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Japans Ex-Premier Hatoyama: Das „Alien“ tritt ab

Erst vor rund acht Monaten war Yukio Hatoyama für viele noch als Hoffnungsträger angetreten, jetzt ist er gescheitert. Der Rücktritt von Japans Regierungschef – der vierte Premier, dessen Amtszeit kein Jahr überdauerte – ist der Schlusspunkt einer Demise, die sich schon seit längerem abzeichnete.

Zerknirscht: Yukio Hatoyama. Quelle: Reuters
Zerknirscht: Yukio Hatoyama. Quelle: Reuters

TOKIO. „Alien“ nannten sie ihn, den Außerirdischen. Mancher Japaner meinte es abfällig, andere sagten es nur, weil er oft so undurchschaubar, unnahbar und beinah abwesend traurig aus seinen leicht aus dem Kopf tretenden Augen schaute. Als wollte der schlanke große Mann den Finger heben und „nach Hause telefonieren“, dass sie ihn endlich von dort abholen, wo er seit August letzten Jahres hingeraten war: in den Strudel der japanischen Politik, an deren Spitze, umgeben von großen Problemen und falschen Freunden. Nun ist Japans Premierminister Yukio Hatoyama von selbst entschwunden, ein letztes geheimnisvolles Lächeln gestern für die Journalisten, bevor er heute seinen Rücktritt erklärte. Zurück reist er zu einer Ehefrau, die kurz nach seinem Amtsantritt von Begegnungen mit Außerirdischen schwadronierte und von Traumsequenzen mit Tom Cruise.

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Es war ein von Anbeginn an unglücklicher Auftritt, vielleicht auch ein Missverständnis. Im Sommer wählten die Japaner Hatoyama mit überwältigender Mehrheit, aber eigentlich wählten sie mit ihm vor allem die alte Regierung ab. Über 50 Jahre, nur einmal für wenige Monate unterbrochen, regierten die Liberaldemokraten das Land, Misswirtschaft und Korruptionsfälle hatten sich angehäuft, in jeder Ecke ein wenig Schmutz. Der letzte Ministerpräsident der Liberalen, Taro Aso, konnten dem Volk gerade noch von sich mitteilen, dass er Manga-Fan sei und die japanische Comic-Industrie international weiter vorantreiben wolle, bevor er gehe musste. Ein Auftritt seines Finanzministers, der später unter merkwürdigen Umständen ums Leben kam, war kurz zuvor zum Internet-Renner geworden. Der Mann tauchte völlig betrunken bei einer Pressekonferenz auf und schlief auf dem Podium ein.

Japans Politik war renovierungsbedürftig. Zurück blieb außerdem ein Schuldenberg, knapp 200 Prozent des Bruttosozialprodukts groß.

Hatoyama mag sich nach Kräften bemüht haben, die Probleme zu lösen. Doch anstatt die Gunst der Stunde zu nutzen und zu sparen, verteilte er erst Versprechen wie „Omiage“, Mitbringsel, unter das Volk – und hielt sie dann nicht. Viel Kindergeld, keine Autobahn-Maut, kein Macht mehr den Bürokraten, Amis raus aus Okinawa: er übernahm sich, ganz offensichtlich. Immer seltener sah man ihn lächeln, lachen schon gar nicht. Er war eine Marionette seines Generalsekretärs, und er wusste es.

Ichiro Ozawa, der nun ebenfalls zurück tritt, ist der eigentlich starke Mann in der Demokratischen Partei Japans (DPJ). Er war ursprünglich als Premierminister vorgesehen, doch er stolperte, wie so viele japanische Politiker, über einen Geldskandal, und die Partei schob Hatoyama nach vorn. Der war noch nicht viele Tage im Amt, da wurde sein eigener Skandal bekannt.

Seine Mutter, Erbin des Bridgestone-Imperiums und damit wohl reichste Frau Japans, hatte ihren beiden Söhnen über Jahre die Wahlkampfkassen gefüllt. Im Rechenschaftsbericht von Hatoyamas Büro aber tauchten als Geldgeber erfundenen Namen auf. Letztlich wurde Hatoyamas Sekretär dafür zur Rechenschaft gezogen. Aber der Ruf des Chefs war schwer angekratzt. „Kodomo teate“ - „Kindergeld“ – riefen seither viele Japaner spöttisch. Erst reduzierte Hatoyama das versprochene Kindergeld für Familien von 26 000 Yen monatlich auf 13 000 Yen. Dann kassierte er auch noch selbst „Kindergeld“ – von seiner Mutter.

Nebeneffekt des Skandals war, dass Hatoyama sich nicht freimachen konnte von dem Einfluss Ozawas, der ebenfalls schon wieder krummer Geschäfte verdächtigt wurde. Ozawa soll Land im teuren Stadtteil Setagaya-ku gekauft haben, bezahlt mit Gelder von Baufirmen, so die Ermittler. Hatoyama aber hielt seinem Generalsekretär die Treue, obwohl die Öffentlichkeit laut eindeutigen Umfragen dessen Rauswurf verlangte. Doch dann hätte Hatoyama dieselben Maßstäbe auch an sich selbst anlegen müssen. Er versuchte, das Thema einfach auszusitzen.

Sechs von zehn Japaner wollten am Schluss, dass Hatoyama geht. Gefallen ist er deswegen am Ende aber nicht, sondern weil ihn die eigenen Parteigenossen fallen ließen. Er hatte ihnen vor den nun in sechs Wochen anstehenden Oberhauswahlen die Laune verdorben und Angst gemacht, dass der ein- oder andere sein warmes Plätzchen im Oberhaus verliert. Denn in der Futenma-Frage versagte Hatoyama auf ganzer Linie.

Hatoyama selbst hatte im Wahlkampf und danach noch ausdrücklich betont, die US-Airbase Futenma aus Okinawa weg und auf eine der Hauptinseln Japans zu verlegen oder ganz aus dem Land zu verbannen. Nach monatelangem Hin- und Her und massivem Druck der verärgerten Amerikaner gab Hatoyama jedoch klein bei. Zurück bleiben enttäuschte Bürger, ein angeschlagenes Verhältnis zu Amerika - und eine gesprengte Koalition. Denn im Gegensatz zu Hatoyama hielten die Sozialdemokraten Wort und blieben bei ihrem Nein zum Verbleib von Futenma auf Okinawa.

Deren Bewohner sind ganz besonders enttäuscht von Hatoyama. Er hatte ihnen Hoffnung gemacht, endlich die US-Soldaten los zu sein, die Lärmbelästigung, die Straftaten. Wie angespannt die Lage auf der Insel ist, zeigt, dass es dort mittlerweile ein japanisches Restaurant gibt, dass Japanern den Eintritt verbietet. Zu oft waren von alkoholisierten Einwohnern Streitigkeiten mit Ausländern ausgegangen.

Im gleichen Atemzug schaffte es Hatoyama mit seiner monatelangen zögerlichen Haltung in dieser Frage, die Beziehung Japans zu den USA auf den Nullpunkt zu bringen. Beim letzten G20-Gipfel musste sich Hatoyama von US-Präsident Barack Obahma anraunzen lassen („verstehen Sie mich?“) – was zuerst Lippenleser ans Licht brachten und die japanischen Zeitungen dann genüsslich aufgriffen.

Nun tritt der Vielgescholtene ab, der so ziemlich alles falsch gemacht hat, was man falsch machen konnte. Selbst modetechnisch gesehen. Sollte es wirklich stimmen, dass Menschen in der Mode-Welt schneller als andere Trends erkennen können, dann lag Tokios Desgin-Kritiker Don Konishi mit seiner Einschätzung jedenfalls völlig richtig. Als Hatoyama im Zuge der Futenma-Debatte in Hawai-Hemden vor die Bevölkerung von Okinawa trat und vor wenigen Tagen bei einem Barbecue in seiner Residenz ein Vier-Farben-Hemd trug, das dazu noch kariert war, da sagte Konishi: „Es ist zu alt, es ist total out. Es sieht so aus, als wenn es mit der DPJ vorbei ist – mit diesem Shirt!“.

Heute, wenige Tage nach Konishi Äußerung, erklärte Hatoyama seinen Rücktritt. Dabei wollte er, der „Alien“, in seinem karierten Hemd wahrscheinlich einfach nur einmal ein ganz normaler Mensch sein.

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  • 03.06.2010, 16:13 UhrAnonymer Benutzer: Jan Keuchel

    Liebe Leser,

    in dem besagten japanischen Restaurant haben tatsächlich, so ungewöhnlich das klingt, Japaner keinen Zutritt. Es waren vor allem Einheimische, die randalierten. Der besitzer hatte genug davon.

  • 03.06.2010, 05:07 UhrAnonymer Benutzer: Yannis

    @Wilhelm

    Der nächste Satz lautet aber, "Zu oft waren von alkoholisierten Einwohnern Streitigkeiten mit Ausländern ausgegangen." Weshalb ich vermute (ohne den Sachverhalt jetzt aus erster Hand zu kennen, dass der oben stehende Satz korrekt ist.

  • 02.06.2010, 18:21 UhrAnonymer Benutzer: jWilhelm

    "Wie angespannt die Lage auf der insel ist, zeigt, dass es dort mittlerweile ein japanisches Restaurant gibt, dass Japanern den Eintritt verbietet." ist wohl falsch, es müsste "Amerikanern den Eintritt verbietet" heißen.

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