Japans Wiederaufbau
Tsunami hinterlässt Verwüstung und Goldgräberstimmung

Der Wiederaufbau in Japans Tsunami-Region hat zwei Gesichter. Sendai, die wirtschaftliche Drehscheibe von Japans Nordosten, boomt wie nie zuvor. Doch viele Regionen kämpfen mit Verzögerungen und Verzweiflung.
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SendaiAußer großen Postern mit Durchhalteparolen erinnert in Sendais Innenstadt nichts mehr daran, das auch das Wirtschaftszentrum Nordost-Japans nach dem Tsunami vor einem Jahr am Boden lag. Nachts brummt das Geschäft im Rotlichtbezirk Kokubuncho wie noch nie, sagt der lokale Gemüsehändler. Die Kaufhäuser verkaufen etwa zehn Prozent mehr als vor der Katastrophe. Und der Wohnungsmarkt ist leergefegt, sagt der Makler Masaru Hangui. Denn Flüchtlinge aus dem verstrahlten Fukushima im Süden und den Tsunami-Regionen in Miyagi und Iwate drängen auf der Suche nach Arbeit in die Stadt. „Viele Familien mieten inzwischen zwei oder drei Einzimmerwohnungen, um überhaupt eine Bleibe zu finden“, sagt Hangui.

Dennoch kommt in Sendai keine Freude auf, selbst bei Hiroshi Maniwa nicht, dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Sendai. Natürlich freut er sich, dass seit Januar die staatlichen Hilfsgelder endlich in der Region an kommen. Und die Summe ist enorm. Mehr als 100 Milliarden Euro will die Regierung in den kommenden Jahren in den Wiederaufbau der Region pumpen, die am 11. März 2011 vom stärksten Erdbeben und Tsunami seit Beginn der Aufzeichnungen zerstört worden war. Nur befürchtet der Kammerchef, dass nur Sendai, das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Region, langfristig davon profitieren wird. Vielen Ortschaften drohe nach einem Bauboom der Absturz, sagt Minawa. „Ich habe Angst, dass der Tsunami vielen Regionen einen derart harten Schlag versetzt hat, dass sie sich nicht davon erholen werden.“

Die Sorge ist berechtigt. Vielen Ortschaften entlang der Trümmerküste verwandeln sich schon seit Jahren in Altersheime. Denn die lokale Fischerei und Landwirtschaft schaffen nicht genug Jobs für die Jugend. Und Industrie verirrt sich kaum in die entlegenen Regionen entlang der zerklüfteten Küste. Zur nächsten Autobahn müssen sich die Fahrer mehr als eine Stunde über enge Bergstraßen winden. Nach der Katastrophe hat sich die Landflucht noch verstärkt. In einer Umfrage der Zeitung Mainichi gaben 63 Prozent der Bewohner der Tsunami-Region an, vielleicht wegziehen zu wollen. Und das sind zumeist die jüngeren Menschen. „Wer soll nun die Städte aufbauen?“, fragt Minawa, „doch nicht die Großmütter und -väter.“

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  • http://agreenroad.blogspot.com/2012/03/how-dangerous-is-400-600-pounds-of.html

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  • So zynisch es auch klingt, aber das war beste Konjunkturprogramm was der seit fast 2 Jahrzehnten maladen japanischen Wirtschaft passieren konnte !

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