Jassir Arafat
Der mörderische Selbstdarsteller

Daheim in Ramallah wühlen sich die Bulldozer schon wieder durch die Ruinen, die einmal seine Residenz waren. Hier, in der „Mukata“, wo die Israelis kaum einen Stein auf dem anderen gelassen haben und er trotzdem all die Jahre ausgeharrt hat, soll er seine letzte Ruhe finden. „Für uns wird es wie ein Schrein sein“, sagt Saleh, einer der Wachleute vor der Residenz von Jassir Arafat.

HB DÜSSELDORF. Immer wieder hatte es in den vergangenen Tagen schon geheißen, der Palästinenserpräsident sei tot, immer wieder wurden diese Meldungen dementiert. Hunderte von Journalisten scharten sich seit fast einer Woche um das Militärkrankenhaus von Percy nahe Paris. Gestern dann die Gewissheit. Jassir Arafat, der zuletzt unter Hirnblutungen litt, ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Woran genau, blieb zunächst unklar.

Das Drama um sein langsames Sterben wäre wohl ganz nach Jassir Arafats Geschmack gewesen. Denn Leben und Politik waren für den Palästinenserführer stets Theater. So gerieten auch seine letzten Tage zur Inszenierung, so blieb Arafat – für die einen palästinensisches Symbol und geschätzter Staatsmann, für die anderen gefährlicher Terrorist – auch im Sterben allgegenwärtig.

Dramatische Auftritte ziehen sich durch sein Leben. Sie alle dienten vor allem einem Zweck: Arafat als den Inbegriff von Palästina auszugeben. Mal reichte er den Ölzweig, mal zog er die Pistole. Mit Diplomatie oder Gewalt verfolgte er seine Ziele. Die er aber letztlich nicht erreichte. Nie haben Arafat und seine Palästinensische Befreiungsorganisation, die PLO, eine militärische oder politische Auseinandersetzung wirklich zu ihren Gunsten wenden können. Immer waren sie die Verlierer. Bis heute wartet Arafats Volk auf die Gründung eines Staats mit allen Rechten und Pflichten. Er verschaffte seinem Volk zwar internationale Anerkennung, nie aber eine wirkliche Heimat.

In Ramallah, wo Arafat die letzten Jahre in seinem Hauptquartier auch lebte, belagerten ihn seit vergangenem Herbst israelische Truppen, er stand quasi unter Hausarrest, sollte gar ausgewiesen werden – äußeres Zeichen für das Scheitern des Politikers Arafat, aber auch dafür, dass er wie kein Zweiter für alle Palästinenser sprach.

Tatsächlich hatte er in diesen wirren Septembertagen des vergangenen Jahres einen seiner letzten großen Auftritte. Unvergessen ist die Szene, als er sich, fast in Sichtweite der israelischen Panzer, seinem Volk zeigte: Beschwingt trat er in seiner grünen Uniform und dem schwarz-weißen Palästinensertuch ans Fenster, winkte der Menge zu, machte das V-Zeichen, er strahlte, küsste seine Finger und leitete die Küsse spielerisch-locker an die Menschen unten im Hof weiter. Über ein Megafon zitierte er einen Koran- Vers: „Meine Brüder, diese Runde im Kampf des tapferen Volkes zeigt der Welt, dass die Menschen keine Angst haben und nicht niederknien. Wir bleiben auf unserer Erde.“

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