Jassir Arafat
Experten entdecken Hinweise auf Polonium-Vergiftung

Ein neues Schweizer Gutachten findet „unerwartet hohes Niveau“ von Gift in der Leiche des Palästinenserführers. Dem Nahen Osten droht ein Polit-Skandal. Israel kritisiert die Studie als „unseriös“.
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Tel AvivDer frühere Palästinenserführer Jassir Arafat ist 2004 möglicherweise doch einem Giftmord zum Opfer gefallen. Darauf zumindest deuten Untersuchungsergebnisse Schweizer Experten hin, übe die der TV-Sender Al-Dschasira und die britische Zeitung „Guardian“ am Mittwoch berichteten. Gewebeproben Arafats hätten 18-mal mehr Polonium enthalten als normal.

„Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass er keines natürlichen Todes starb“, sagte Arafats Witwe Suha Arafat am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters in Paris. Sie berief sich dabei auf Ergebnisse einer Schweizer Untersuchung des Leichnams. „Wir decken ein echtes Verbrechen auf, ein politisches Attentat.“

Al-Dschasira gegenüber bezeichnete Suha Arafat den Vorfall als „Verbrechen des Jahrhunderts“. Die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah wollte zu den Berichten zunächst keine Stellung nehmen. Sie hatte am Vortag bekräftigt, dass sie die Ergebnisse der Untersuchungen erst öffentlich machen werde, wenn alle drei Gutachten vorlägen.

Die Nachrichtenagentur AFP erfuhr aus informierten Kreisen in Ramallah, die Angaben von Al-Dschasira würden stimmen. Laut dem Bericht von zehn Schweizer Experten fanden die vorgenommenen „neuen toxikologischen und radio-toxikologischen Untersuchungen“ ein „unerwartet hohes Niveau von Polonium-210- und Blei-201-Aktivität“ in den untersuchten Proben.

Russische Experten hatten bereits erklärt, sie hätten keine Hinweise auf eine Polonium-Vergiftung finden können. Ein französisches Gutachten steht noch aus. Alle drei Expertenteams hatten die Gewebeproben - unter anderem aus einer Rippe und dem Beckenbereich Arafats - bei der Exhumierung der Leiche vor knapp einem Jahr entnommen.

Die Schweizer Experten vom Institut de radiophysique in Lausanne hatten ihr Ergebnis der Untersuchung am Dienstag der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah zugeleitet.

Die Frage, wer den im Alter von 75 Jahren in einem französischen Militärhospital gestorbenen Arafat vergiftet haben könnte, ist allerdings völlig unklar. Israel hat entsprechende Vorwürfe von palästinensischer Seite stets zurückgewiesen.

Für viele Palästinenser steht hingegen außer Zweifel, dass nur Israel hinter der plötzlichen Erkrankung und dem schnellen Tod ihres Idols stecken könne. Allerdings hatte Arafats wegen seines autoritären Führungsstils und wuchernder Korruption innerhalb der Palästinenserführung auch anderswo viele Feinde.

Kommentare zu " Jassir Arafat: Experten entdecken Hinweise auf Polonium-Vergiftung"

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  • Das Israel, das ja bekanntlicherweile immer nur Opfer, aber nienmals Täter ist, dies anzweifelt, war doch vorhersehbar!

  • Erläuterung des Kommentars:

    210Po ist ein Alphastrahler. Im Körper befindliches 210Po zerfällt radioaktiv und sendet dabei ein energireiches Alphateilchen (Helium), sowie einen Gammaquant aus.

    Eine in einem sehr kurzem Zeitraum empfangene radioaktive Dosis von 5 - 10 Sievert ist geeignet eine tödliche Srahlenkrankheit beim Menschen auszulösen. Ein Mensch kann auch jährlich ca. 100mSv Radioaktivität ausgesetzt sein ohne ein erhöhtes Krebsrisiko zu erleiden.

    In der "Strahlenhölle" (HB), der Evakuierungszone rund um Fukushima beträgt die Hintergrundgammastrahlung ca. 2 - 20 mSv/Jahr.

    Vandale

  • Arafat hatte noch mehr Feinde als nur Israel, auch in den eigenen Reihen. Wer auch immer ihn vergiftet hat (und bewiesen ist das ja noch nicht - erst mal die Veroeffentlicung des offiziellen Berichtes abwarten): das Ableben eines Terroristen und Friedensgegners war vielleicht traurig aber verkraftbar.

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