Jauch-Talk zu Griechenland
„Wer weiß, wie lange das noch gut geht“

Griechenland hält die Welt in Atem: Erst das EU-Hilfspaket, dann ein Referendum, dann ein Rückzieher - und schließlich eine Übergangsregierung.  Sind die Griechen noch zu retten? Dieser Frage widmete sich Günther Jauch.
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BerlinBei schwer abstrakten Themen greift der Mensch gern zu Metaphern.  Wenn es um die Eurokrise geht, bieten sich medizinische Sprachbilder an: Griechenland ist der „kranke Mann Europas“, dessen Siechtum eine hohe „Ansteckungsgefahr“ für andere angeschlagene Staaten wie Italien, Portugal oder Spanien birgt. Zeit also für eine Sprechstunde bei Günther Jauch. „Chaos-Tage in Griechenland – wer will die Griechen jetzt noch retten?“, hieß das Thema der Sendung am Sonntag.

Der Patient hat sich zuletzt verblüffend therapieresistent gezeigt. Kaum hatten sich die Staats- und Regierungschefs der Eurozone auf ein Hilfspaket geeinigt, versetzte Griechenlands Premierminister Georgios Papandreou Europa mit der Idee einer Volksabstimmung in helle Aufregung. Dann kam gleich wieder die Kehrtwende, das Referendum wurde abgesagt. Statt dessen tritt Papandreou nun zurück, und Griechenland kriegt eine Übergangsregierung.

Auch in der deutschen Politik geht es hin und her: Bislang hieß es immer, Griechenlands Ausscheiden aus der Eurozone käme einer Katastrophe gleich. Mit einem Mal aber gilt ein Austritt des Krisenstaates nicht mehr als Tabu. „Blicken Sie nicht mehr durch oder erzählen Sie uns einen vom Pferd?“, fragte Jauch für seine Verhältnisse ungewöhnlich forsch. Die ehemalige Ärztin Ursula von der Leyen antwortete mit einem medizinischen Gleichnis: Stellen wir uns einen Patienten mit schwerem Herzleiden vor. Zunächst seien „zwei Dinge zu klären“, weiß die Bundesarbeitsministerin: Erstens sei wichtig, „dass er seine Lebensweise ändert.“ Also Schluss mit Rauchen und Trinken. Dann müsse aber auch sein Kreislauf stabilisiert werden, ehe es ab in den Operationssaal geht. Dem Moderator fiel gleich auf, dass an diesem Befund etwas nicht stimmt. „Eine Herzkrankheit ist doch gar nicht ansteckend!“, warf er sachkundig in die Diskussion.

Ansonsten aber lieferte die Runde wenig Erhellendes. Zwar hätte das Thema durchaus das Potenzial für eine interessante Debatte geboten. Kann man den Griechen noch zutrauen, mit Hilfe ihrer Euro-Nachbarn ihren Haushalt zu sanieren? Oder wäre ein Ausstieg der Hellenen aus der Eurozone nicht doch besser für alle, für die anderen Staaten der Eurozone ebenso wie für die Griechen selbst? Statt dessen aber wirkte die Diskussion hölzern und verspannt.

Die Politiker, Ursula von der Leyen und Gregor Gysi, Vorsitzender der Partei Die Linke im Bundestag, hatten offenbar jeweils eine These vorbereitet, die sie möglichst ungestört vortragen wollten. Eine klare Strategie im Umgang mit der Euro-Krise hatte keiner der beiden anzubieten. Die beiden Fachleute in der Runde, der Wirtschaftsprofessor Max Otte und die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl dagegen bekamen so wenig Redezeit zugeteilt, dass auch sie der Sendung nicht mehr Tiefgang geben konnten.

Kommentare zu " Jauch-Talk zu Griechenland: „Wer weiß, wie lange das noch gut geht“"

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  • Es wird sich herausstellen, dass der eine (Max Otte) von den fünfen Recht behalten wird. Nur der Schaden wird dann entsprechend höher sein. Wir sollten über Konsequenzen und Schadenswiedergutmachungen nachdenken.

  • Den Untergang des Euro müssen wir verhindern, denn wir Deutsche hätten weitaus größere Probleme als die Südstaaten. Während deren Probleme übertrieben werden, schweigen wir über die Gefahren für unser Land, für unsere Wirtschaft. Wovor müssen wir zittern? 1. Vor einer Aufwertung unserer Nachfolgewährung mit gleichen Folgen wie die DM-Einführung für ostdeutsche Betriebe seit 1990. 2. Am schlimmsten würden uns aber Maßnahmen treffen, mit denen Dritte ausgeglichene Handelsbilanzen erzwingen, weil Defizite stets Neuschulden sind. 3. Unsere auf Forschung und Entwicklung gegründete erfolgreiche Exportwirtschaft würde zwar weiterhin auf lebhaftes Interesse, aber auch auf Kaufkraftimpotenz stoßen. Die ums Überleben ringenden schwachen Staaten werden wohl danach wenig Rücksicht auf den Schutz unserer geistigen Leistungen und Produkte nehmen. Die Folgen des Berstens dieser Schutzschilde für unsere Wirtschaft wären apokalyptisch.

  • Anja Kohl „Wer soll denn in Zukunft die Staaten finanzieren? ...kein privater Investor sei bald mehr bereit, das Risiko zu tragen".

    Die Finanzierung ihrer Staaten ist eine Gemeinschaftsaufgabe aller Bürger. Daran hätte nie gerüttelt werden dürfen. Eine Börsenexpertin sollte dies ebenso betrachten. Gewohnheitsmäßig leben Staaten leider über ihre Verhältnisse. Das muss sich ändern, weil im Hintergrund entweder mangelnde Wirtschaftskraft (gemessen an den Fanfaronaden der politischen Stimmenkäufer) oder miserable Haushälterei steht. Der rapide wachsende Prolongationsbedarf zeigt uns nun, dass sich der "Stimmenkauf auf Pump" als schweres Verbrechen an den Bürgern und Amtseidverletzung erweisen kann. Natürlich können private Anleger an allen fünf Fingern abzählen, dass wachsender Prolongationsbedarf zuerst zu steigenden Risikozuschlägen, danach zu Inflation und schließlich zum Kollaps führen muss. Systemische Marktteilnehmer müssen diese Perspektive nicht fürchten, solange deren Spekulationsrisiko von einem vermutlich sehr, sehr kleinen Kreis von Politikern auf die Bürger abgewälzt wird. Diese ungleiche Stellung zum Risiko treibt die Krise und hindert traditionelle kaufmännische Vorsicht. Angesichts dieses Umstandes ist die Abstinenz der privaten Anleger kein Drama, sondern Zeichen von Vernunft und Realismus.

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