Jean-Claude Trichet
„Wir müssen so mutig wie möglich sein“

Ex-EZB-Präsident Jean-Claude Trichet plädiert im Handelsblatt-Interview für eine Banken- und Fiskalunion. Für ihn ist die aktuelle Krise mehr eine Krise der Banken und einzelner Staaten als eine Krise des Euros.
  • 37

Handelsblatt: Monsieur Trichet, der November 2003 muss eine für Sie sorglose Zeit gewesen sein. Die Weltwirtschaft boomte, der Häusermarkt in den USA entwickelte sich prächtig, die Investmentbanken meldeten Rekordgewinne. Erinnern Sie sich noch an Ihre Amtseinführung im Frankfurter EZB-Hochhaus?

Jean-Claude Trichet: Natürlich. Aber ich erinnere mich an eine durchaus bewegte Zeit. In drei großen Staaten, Deutschland war einer davon, tobte die Auseinandersetzung um den Bruch des Stabilitäts- und Wachstumspakts. Am allerersten Tag, ich hatte kaum auf meinem Stuhl in Frankfurt Platz genommen, ging es schon los. Die drei Länder wollten verhindern, dass ein Sanktionsverfahren gegen sie verschärft würde. Und insgesamt herrschte eine Stimmung milder Nachlässigkeit. Darauf mussten wir als Notenbanker reagieren.

Fremdelten Sie noch ein wenig mit der Institution, ihrer diskreten Sprache, ihrer enormen Macht?

Nein, überhaupt nicht, ich war ja als Mitglied des EZB-Rates schon oft da gewesen und als Gouverneur der Banque de France seit Jahren in engem Kontakt mit den anderen Zentralbankchefs wie meinem Freund Hans Tietmeyer. Den kannte ich übrigens schon, als er Staatssekretär im Finanzministerium war und ich das französische Schatzamt leitete. Ich fühlte mich fast wie zu Hause in Frankfurt - auch wenn ich nicht genug Zeit hatte, all die wunderschönen Museen der Stadt zu besichtigen. Freundlicherweise bekam ich im „Frankfurter Hof" immer dasselbe Zimmer, das hat mir geholfen, jedes Gefühl von Fremdheit zu verlieren.

Waren Sie stolz? Eine der wichtigsten Positionen, die ein Mensch in Europa erreichen kann, hatten Sie erklommen.

Ich muss gestehen, dass ich mich schon sehr geehrt fühlte. Und gleichzeitig fühlte ich die schwere Last auf meinen Schultern. Man sieht nicht nur Europa, sondern die ganze Welt aus einer ganz anderen Perspektive.

Funktionierte die EZB bereits, gab es bereits ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl, oder fühlten Sie sich als Bauleiter auf einer Baustelle?

Die Bank funktionierte, aber sie war noch jung und musste reifen. Nachdem wir die besten und hellsten Köpfe eingestellt hatten, mussten wir uns auf Effektivität und Effizienz in der täglichen Arbeit konzentrieren, um Preisstabilität für 330 Millionen Bürger zu garantieren. Das war übrigens hochinteressant für mich: zu erleben, wie stark die Bürger nach Preisstabilität verlangen.

War das so neu für Sie?

Ich kannte es aus Frankreich, wo die Menschen auch stabile Preise wollen. Aber es war interessant, zu erleben, wie sehr die Menschen „auf der Straße" in Deutschland den Kampf gegen die Inflation unterstützen. Das ist in Deutschland kein Elitenprojekt, sondern im besten Sinne Volkes Wille.

Kommentare zu " Jean-Claude Trichet: „Wir müssen so mutig wie möglich sein“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Mit dem fatalen Fehler, dass hier Trichet maßlos überschätzt und in seinem Handeln total falsch eingeschätzt wird. Aber Personenkult ist immer schon ein Problem gewesen, egal ob in der christlichen Kirche, unter Alexander, Napoleon, Nero, Hitler, Greenspan, der britischen Königin … Wer glaubt, dass gutmütige Leute nach oben kommen, dürfte im allgemeinen schon daneben liegen, weil gutmütige Menschen dem Geisteswahn zu herrschen grundsätzlich nicht entsprechen. Auch T. ist machtbesessen und als sich nicht mehr alles nach seinem Kopfe drehte, kehrte er dem scheiternden System wie jeder andere den Rücken.

    PS: Die ihm angeratenen Ideen der Berater und Lobbyisten des Finanzwesens sind übrigens genauso wenig erprobt, wie die Behauptungen der Oppositionellen.

  • DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE

    Das Handelsblatt hat die heute entscheidende Frage gestellt: "Wenn man die Zusammenhänge nicht einmal hinreichend erklärt hat, wie will man dann die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und eine Regulierung schaffen, die neuen Krisen vorbeugt?"

    Solange man nicht verstanden hat, dass ein weltweites Schneeballsystem irgendwann an seine Grenzen gerät, kann man kein stabiles, zukunftsfähiges System schaffen.

    Die richtigen Schlussfolgerungen ziehen diejenigen, die das - allerdings abseits des ökonomischen Mainstreams - erkannt haben: die freiwirtschaftliche Geld- und Bodenreformbewegung, Regiogeld-Initiativen, Bartersysteme und Tauschringe, die Monetative-Bewegung.

    www.INWO.de
    www.sozialoekonomie.info
    www.sffo.de
    www.regiogeld.de
    www.monetative.de

    MfG, Beate Bockting

  • Da hat Dreier recht. Weil es hat vor dem Euro funktioniert, es hat ohne EU funktioniert, es wird nach dem Euro funktionieren und es funktionierte sogar mit dem Euro. Die Stofflichkeit einer Währung spielt keine Rolle, noch weniger der Name, das Problem sind diese Klugscheißer dahinter, die immer mehr Macht wollen und diese mithilfe der Politiker aller möglichen Staaten, ohne für Fehler einstehen zu müssen, auch bekommen. Die müssten noch vor dem Euro verschwinden! Dann, Schuldenschnitt und Neustart, obwohl die Überproduktion und der Abbau der Erzeugnisse wegen aller möglichen Leute Gier gegen einen möglichen Neustart ohne vorherige Zerstörung spricht, was unserer Politkasten Geistesschwäche bezüglich einer gesamtgesellschaftlichen Neustrukturierung mit mehr Kultur … zeigt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%