Jean-Marie Guéhenno zum IS-Terror
„Der Westen darf nicht verschiedene Maße anlegen“

Wenn der Terror im eigenen Land ankommt, ist es zu spät, sagt der frühere Uno-Vize-Generalsekretär Jean-Marie Guéhenno. Im Interview ruft er Deutschland dazu auf, mehr Verantwortung in der Außenpolitik zu übernehmen.
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Acht Jahre lang war er stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen und führte zahlreiche Friedenseinsätze. Heute sitzt er dem renommierten Thinktank „International Crisis Group“ in Brüssel vor. Jean-Marie Guéhenno (Jahrgang 1949) ist einer der erfahrensten internationalen Diplomaten. Im Interview auf dem Berliner Forum Außenpolitik spricht er über die Ursachen des IS-Terrors, die künftige Rolle deutscher Außenpolitik – und darüber, dass der Sicherheitsrat gar nicht so gelähmt ist, wie es scheint.

Herr Guéhenno, als Bundespräsident Joachim Gauck vor kurzem forderte, Deutschland müsse in der Außenpolitik mehr Verantwortung übernehmen, löste das hier eine kontroverse Debatte aus. Hat er Recht?
Ich stimme voll und ganz zu. Deutschland ist ein sehr wichtiges Land im Zentrum Europas. Europa, als Gruppe von Staaten mit den gleichen Idealen, kann bei der Gestaltung seines Umfelds nicht effektiv sein, wenn Deutschland keine aktive Rolle dabei übernimmt.

Hat Deutschland denn in der Vergangenheit eine gute Außenpolitik betrieben?
Seit dem Mauerfall vor 25 Jahren ist Deutschland in einem Prozess der Anpassung. Das wird sich jetzt beschleunigen, denn wir sehen, dass die Welt wesentlich komplizierter geworden ist. Sicherheit beginnt nicht erst an der eigenen Grenze: Schwache Länder werden Rückzugsorte für Terroristen – das haben wir im Nahen Osten gesehen, das haben wir in Afghanistan gesehen. Wenn man wartet, bis diese Bedrohungen ins eigene Land kommen, ist es häufig zu spät. Deshalb ist es sehr wichtig, aktiv das eigene Umfeld zu gestalten.

Sie haben kürzlich gesagt, den IS zu bombardieren sei nicht genug – es fehle eine Strategie. Was meinen Sie?
Es wird häufig viel zu viel Gewicht auf die militärische Dimension einer Intervention gelegt. Dieser Aspekt ist wichtig, aber er muss Teil einer politischen Strategie sein. Viele arabische Sunniten fühlen sich entmündigt. Das ist der Grund, weshalb sie sich dem IS anschließen. Sunniten werden von den Regimen in Syrien und im Irak unterdrückt. Der Westen reagiert in ihren Augen aber nur, wenn Minderheiten – Jesiden, Christen, Kurden – angegriffen werden.

Kann der Westen da überhaupt adäquat reagieren?
Er sollte nicht mit verschiedenen Maßen messen. Die Wahrnehmung, dass der Westen unterschiedliche Maßstäbe anlegt, nährt die Art von Extremismus, die zum IS geführt hat.

Wann hat der Westen denn mit verschiedenen Maßen gemessen?
Zum Beispiel, wenn er nicht viel Aufhebens darum macht, wenn die syrische Armee Vororte in Damaskus und Homs bombardiert. Traurigerweise ist das ein sehr gutes Beispiel für unterschiedliche Maßstäbe. Arabische Sunniten merken sich so etwas.

In Ihre Amtszeit als stellvertretender Uno-Generalsekretär fiel die größte Ausweitung von Friedensmissionen in der Geschichte der Vereinten Nationen. Glauben Sie, dass Blauhelm-Einsätze noch erfolgreich sein können, wo sich doch die großen Nationen im Sicherheitsrat gegenseitig blockieren?
Überraschenderweise ist der Sicherheitsrat gar nicht so lahmgelegt, wie es häufig scheint. Trotz der tiefen Spaltung über die Fragen von Syrien und der Ukraine, zwischen Russland und China hier und den drei westlichen festen Mitgliedern dort, hat der Sicherheitsrat es durchaus geschafft, neue Missionen zu autorisieren. Etwa in Afrika: Mali, Zentralafrikanische Republik. Der Sicherheitsrat hat sicherlich große Probleme. Ich bin auch besorgt, dass diese noch größer werden könnten. Aber bisher wurde er noch nicht komplett lahmgelegt.

Herr Guéhenno, vielen Dank für das Interview.

Bastian Benrath
Bastian Benrath
/ Freier Mitarbeiter

Kommentare zu " Jean-Marie Guéhenno zum IS-Terror: „Der Westen darf nicht verschiedene Maße anlegen“"

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  • Frau Popova

    Wahrscheinlich hätte er noch nicht einmal 8 Wochen gebraucht.

    Nur wenn man monatelang zuschaut, wie die IS mit Pickups sich kilometerbreit in der Wüste bewegt, sich schwere Waffen aneignet, es soweit kommen läßt, daß sich die IS in den Städten verschanzen kann, dann braucht man natürlich mit dem derzeitigen Militärpersonal und dieser militärischen Führung ungeplant länger.

  • „„Westen sollte nicht mit verschiedenen Maßen messen““
    Solange sich „der Westen“ nur auf die Doktrin des Welthegemons USA stützt, der sich anmaßt darüber zu bestimmen, wer Mitglied der „Achse des Bösen“ ist und wer nicht, wird immer mit unterschiedlicher Elle gemessen. Das sollte ein ehemaliger UN-Vize wissen.

    „....Deutschland dazu auf, mehr Verantwortung in der Außenpolitik zu übernehmen.“

    Gern, allerdings erst nach Revision der durch das Versailler Diktat manifestierten Ungerechtigkeiten und Gebietswegnahmen, Anerkennung ihrer Kriegsschuld der sog. Assoziierten Mächte des Ersten Weltkrieges und der sog. Alliierten Mächte des Zweiten Weltkrieges, Bestrafung deren Kriegsverbrecher, Bloßstellung der diese Kriege inszenierenden Personenkreise der Wallstreet und der Londoner City, Aufhebung der Urteile des IMT wegen Rechtsbeugung, Wiederherstellung der vollen Souveränität Deutschlands in den Grenzen von 1937. Da all das nie passieren wird, brauchen wir uns nicht darüber zu unterhalten wer für die ständig Kriege führen müssenden USA die Kastanien aus dem Feuer holt, das sollen die gefälligst selbst tun und in aller erster Linie die islamische Welt in ihrer mittelalterlichen Begrenztheit in Ruhe lassen.

    „...viele arabische Sunniten fühlen sich entmündigt.“

    Dann sollen sie etwas dagegen tun und sich als erstes von ihrer Gesellschaftsordnung Islam trennen, bzw sie kritisch hinterfragen und auf den Stand 2014 nach Chr. bringen oder meinetwegen auf den Stand 1392 nach der Hidshra. Das setzt allerdings voraus, daß sie bereit sind, diese Männerreligion in eine Religion für Menschen zu wandeln, das ist nur eines der Probleme. Ein weiteres ist, ständig andere für die eigene Unfähigkeit verantwortlich zu machen, usw. usw.

  • „„Westen sollte nicht mit verschiedenen Maßen messen““
    Solange sich „der Westen“ nur auf die Doktrin des Welthegemons USA stützt, der sich anmaßt darüber zu bestimmen, wer Mitglied der „Achse des Bösen“ ist und wer nicht, wird immer mit unterschiedlicher Elle gemessen. Das sollte ein ehemaliger UN-Vize wissen.

    „....Deutschland dazu auf, mehr Verantwortung in der Außenpolitik zu übernehmen.“

    Gern, allerdings erst nach Revision der durch das Versailler Diktat manifestierten Ungerechtigkeiten und Gebietswegnahmen, Anerkennung ihrer Kriegsschuld der sog. Assoziierten Mächte des Ersten Weltkrieges und der sog. Alliierten Mächte des Zweiten Weltkrieges, Bestrafung deren Kriegsverbrecher, Bloßstellung der diese Kriege inszenierenden Personenkreise der Wallstreet und der Londoner City, Aufhebung der Urteile des IMT wegen Rechtsbeugung, Wiederherstellung der vollen Souveränität Deutschlands in den Grenzen von 1937. Da all das nie passieren wird, brauchen wir uns nicht darüber zu unterhalten wer für die ständig Kriege führen müssenden USA die Kastanien aus dem Feuer holt, das sollen die gefälligst selbst tun und in aller erster Linie die islamische Welt in ihrer mittelalterlichen Begrenztheit in Ruhe lassen.

    „...viele arabische Sunniten fühlen sich entmündigt.“

    Dann sollen sie etwas dagegen tun und sich als erstes von ihrer Gesellschaftsordnung Islam trennen, bzw sie kritisch hinterfragen und auf den Stand 2014 nach Chr. bringen oder meinetwegen auf den Stand 1392 nach der Hidshra. Das setzt allerdings voraus, daß sie bereit sind, diese Männerreligion in eine Religion für Menschen zu wandeln, das ist nur eines der Probleme. Ein weiteres ist, ständig andere für die eigene Unfähigkeit verantwortlich zu machen, usw. usw.

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