Jean-Marie Le Pen
Der große Verlierer

Fünf Jahre nach seinem größten Triumph steht der alte Poltergeist der französischen Politik, der Rechtsextreme Jean-Marie Le Pen, als der große Verlierer unter den Anwärtern auf die Präsidentschaft dar. Dass ihm der Konservative Nicolas Sarkozy thematisch das Wasser abgrub, ist jedoch nicht der einzige Grund für Le Pens Niederlage.

HB PARIS. Schaffte es der 78-Jährige 2002 noch in die Stichwahl, so stürzte er diesmal auf 10,4 Prozent ab - gut sechs Prozentpunkte oder eine Million Stimmen weniger als 2002, als er sensationell ins Duell mit Jacques Chirac ging. Selbst im Elsass, auf dessen Wähler Le Pen bisher zählen konnte, reichte es nur für knapp 14 Prozent - im Vergleich zu 23 Prozent vor fünf Jahren. „Das Elsass hat sich von der Last befreit, eine Hochburg der Rechtsradikalen zu sein“, frohlockte denn auch die Straßburger Regionalzeitung „Dernières Nouvelles d'Alsace“. „Le Parisien“ aus der Hauptstadt meinte fast schon mitfühlend, diese Wahl sei wohl der eine Kampf zu viel für den Bretonen gewesen. „Das ist vielleicht das Zeichen für sein Ende, er sieht seine Rentenzeit näher rücken“, hämte das linksliberale Blatt „Libération“.

Konkurrent Sarkozy hatte Le Pen mit einem dezidiert rechten Wahlkampf, in dem er unverkrampft auf dessen Kernthemen nationale Identität, Einwanderung und Kriminalitätsbekämpfung setzte, das Wasser abgegraben. Sarkozy war damit so erfolgreich, dass sich selbst seine sozialistische Konkurrentin Ségolène Royal bemüßigt fühlte, dazu aufzurufen, die „Marseillaise“ zu singen und die Trikolore aus dem Fenster zu hängen. Le Pen merkte am Wahlabend bitter an, dass sich die Konkurrenz seiner Themen bemächtigt habe. Die Nationale Front habe einen „ideologischen Sieg“ errungen, versicherte er trotzig.

Doch die politische Niederlage ist unbestreitbar. Sie ist auch auf die sehr hohe Wahlbeteiligung von fast 84 Prozent zurückzuführen. 2002 hatte Le Pen noch vom Desinteresse der Franzosen an einem anscheinend schon von Anfang an entschiedenen ersten Wahlgang profitiert. Doch die Wähler, die damals zu hunderttausenden gegen Le Pen demonstrierten, haben die Lektion gelernt. Am Ende steht Le Pens schlechtestes Ergebnis bei einer Präsidentschaftswahl seit seiner ersten Kandidatur 1974.

Der Rechtsextremist gab am Sonntagabend den schlechten Verlierer und ätzte ironisch, er habe sich in den Franzosen getäuscht. Er habe geglaubt, sie seien unzufrieden. Stattdessen hätten sie die Parteien gewählt, die für die Lage des Landes verantwortlich seien. Später gab er die bemühte Stimmungskanone auf seiner Wahlparty der langen Gesichter und schwang mit Gattin Jany das Tanzbein.

Der schleichende Niedergang der Nationalen Front hat sich bereits in anderen Wahlergebnissen seit dem Triumph des 21. April 2002 abgezeichnet. Bereits in der Stichwahl am 5. Mai gelang es dem Rechtsextremisten nicht, neue Wählerschichten zu erschließen. Bei der anschließenden Parlamentswahl im Juni erzielte die FN nur gut 11 Prozent. Noch tiefer sank sie bei der Europawahl 2004 mit 9,8 Prozent, kaum besser schnitten die Rechtsradikalen im gleichen Jahr bei den Regionalwahlen ab.

Der konservative „Le Figaro“ sieht die Strategie der „Entdämonisierung“ des Poltergeists gescheitert, die seine 38 Jahre alte Tochter Marine 2002 begonnen hatte. Marine äußert sich toleranter etwa zu Homosexualität oder Abtreibung und bekam so von den Medien das Etikett „FN light“. „Le Figaro“ analysiert, so habe Le Pens Tochter es Sarkozy erleichtert, rechte Kernthemen zu besetzen, ohne Le Pen im Gegenzug für breite Wählerschichten akzeptabel zu machen.

Die Nationale Front muss sich auf eine Zukunft ohne ihre Galionsfigur einstellen, die drei Jahrzehnte lang den französischen Rechtsextremismus verkörperte und als politische Kraft etablierte. Wenn es nach Le Pen geht, ist es aber noch nicht so weit. Er könne sich durchaus vorstellen, auch 2012 noch einmal anzutreten, sagte Le Pen vor der Wahl - er wäre dann 83 Jahre alt. Zur Begründung bemühte er ausgerechnet Konrad Adenauer: Der sei noch mit 87 Jahren Bundeskanzler gewesen, und das sei Deutschland schließlich nicht schlecht bekommen.

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