Jerusalem-Konflikt Wie Erdogan zum Wortführer der Muslime wurde

Der wortstärkste Anwalt der Palästinenser im Streit um Jerusalem ist kein arabischer Staatenlenker, sondern der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Für ihn geht es nicht nur um eine Herzensangelegenheit.
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Der türkische Präsident will mit Papst Franziskus und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonieren. Quelle: Reuters
Anwalt der Palästinenser

Der türkische Präsident will mit Papst Franziskus und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonieren.

(Foto: Reuters)

IstanbulIm Streit um die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels hat sich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zum Wortführer der islamischen Welt aufgeschwungen. Das liegt auch daran, dass Erdogan derzeit turnusgemäß den Vorsitz der Organisation für Islamische Kooperation (OIC) innehat, jenem Zusammenschluss von 57 Staaten, der sich als „die kollektive Stimme der muslimischen Welt“ versteht.

Wegen der Jerusalem-Krise berief der türkische Staatspräsident einen OIC-Sondergipfel ein, dessen Gastgeber er am kommenden Mittwoch in Istanbul sein wird.

In seiner Doppelrolle als Präsident der Türkei und der OIC agiert Erdogan seit Beginn des Streits um Jerusalem: Schon am Dienstag sagte er an die Adresse des von ihm bislang geschätzten US-Präsidenten Donald Trump: „Herr Trump, Jerusalem ist die rote Linie der Muslime.“ Am Mittwoch demonstrierte Erdogan in der Krise den Schulterschluss mit dem jordanischen König Abdullah II., den er in Ankara empfing.

Am Donnerstag kündigte Erdogan eine wahre Telefondiplomatie-Offensive an: Mit Papst Franziskus, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, Pakistans Staatschef Mamnoon Hussain und mehreren EU-Regierungen wollte Erdogan beraten. Seine Begründung: „Das ist nicht mehr nur die Aufgabe der Muslime, sondern regelrecht der Menschheit.“

Der türkische Präsident engagiert sich allerdings nicht erst für die Palästinenser, seit das opportun ist und fast die ganze Welt gegen Trumps Jerusalem-Beschluss aufbegehrt: Erdogan setzt sich seit Jahren intensiv für die Sache seiner Glaubensbrüder im Gazastreifen und im Westjordanland ein.

Erst im Juni vergangenen Jahres unterzeichneten die Türkei und Israel nach jahrelanger Eiszeit ein Versöhnungsabkommen. In diesem Rahmen setzte Erdogan auch türkische Hilfslieferungen für den Gazastreifen durch, deren Hamas-Führung er besonders nahe steht.

„Die Palästinenser sowie die islamische Welt werden als Sieger dastehen“
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan
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„Herr Trump, Jerusalem ist die rote Linie der Muslime.“ „Das kann soweit gehen, dass wir unsere diplomatischen Beziehungen zu Israel abbrechen.“

Irans oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei
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„Letztendlich jedoch wird Palästina befreit werden, und die Palästinenser sowie die islamische Welt werden als Sieger dastehen.“

Saudi-Arabiens König Salman
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„Dieser gefährliche Schritt ist eine Provokation für die Gefühle der Muslime weltweit.“

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel
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„Eine ganze Reihe von Mitgliedstaaten haben ihrer Sorge Ausdruck verliehen, und das gilt auch für uns, dass die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels nicht einen Konflikt beruhigt, sondern eher ihn noch einmal anheizt.“

(Nach einem EU-Treffen mit US-Außenminister Rex Tillerson in Brüssel.)nach einem EU-Treffen mit US-Außenminister Rex Tillerson in Brüssel.)

Der britische Außenminister Boris Johnson
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„Wir betrachten die Berichte mit Sorge, weil wir denken, dass Jerusalem offensichtlich Teil des finalen Abkommens zwischen den Israelis und den Palästinensern sein sollte, eines ausgehandelten Abkommens.“

Papst Franziskus
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„Meine Gedanken gehen nach Jerusalem. Ich kann meine tiefe Sorge über die Situation, die sich in den letzten Tagen entwickelt hat, nicht verschweigen. Gleichzeitig richte ich einen von Herzen kommenden Appell, dass es die Pflicht aller ist, den Status quo der Stadt zu respektieren, wie es die Resolutionen der Vereinten Nationen vorsehen. Jerusalem ist eine einzigartige Stadt, heilig für Juden, Christen und Muslime (...) und hat eine besondere Berufung zum Frieden.“

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi
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„Es ist notwendig darauf hinzuwirken, die Lage in der Region nicht durch Maßnahmen komplizierter zu machen, die die Chancen auf einen Frieden im Nahen Osten untergraben.“

Die türkische Katastrophenschutzbehörde Afad druckte in einer Broschüre im Mai ein Foto mit einem Transparent, das Anhänger Erdogans im Gazastreifen aufgehängt hatten. Der dazugehörige Artikel trägt die Überschrift „Fahrräder von Präsident Erdogan für Kinder in Gaza“.

Hinter den Kindern auf den neuen Rädern ist das Transparent zu sehen, das Erdogan in staatsmännischer Pose zwischen der türkischen und der palästinensischen Flagge zeigt und auf dem steht: „Führer der islamischen Welt – Recep Tayyip Erdogan“.

Die Krise um Jerusalem hat nicht nur zur Folge, dass Erdogan – dessen Regierung mit zahlreichen Staaten im Clinch liegt – sich international profilieren kann. Ein Nebeneffekt ist, dass unangenehme innenpolitische Themen in der Türkei weitgehend von der Tagesordnung verschwunden sind – zum Beispiel die auf ein 14-Jahres-Hoch gestiegene Inflation. Vor allem aber gilt das für die vom Präsidenten dementierten Steuerflucht-Vorwürfe, die Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu gegen Erdogans Familie erhoben hat.

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