Jerusalem
Stadt der Angst

Nirgendwo stoßen Israelis und Palästinenser heftiger zusammen als im annektierten Osten der israelischen Metropole. Religion, Besatzung und Hoffnungslosigkeit verbinden sich – zu einer explosiven Mischung.

JerusalemPilger und Touristen machen sich dieser Tage in der Altstadt von Jerusalem eher rar. Denn eine Welle von Messerattacken verunsichert Israel – und vor allem Jerusalem. Der Kellner im Café an der Kreuzung Al-Wad-Gasse/Via Dolorosa freut sich über jeden Gast. Nicht weit von hier erstach am 3. Oktober, einem Schabbat, der Palästinenser Mohanned Hallabi zwei ultra-orthodoxe Juden. Sie waren gerade vom Gebet an der Klagemauer gekommen.

Nun wimmelt es hier von Militär und bewaffneter Grenzpolizei. Gegenüber dem Café haben vier Soldaten auf einer winzigen Fläche in der engen Gasse eine Art Kontrollzone eingerichtet. Sperrgitter markieren ihren Bereich. Viel zu tun gibt es nicht. Aus einer Gruppe palästinensischer Jugendlicher, die vor dem gegenüberliegenden Hospiz herumlungern, greifen sie sich einen Teenager heraus. Vielleicht, weil sie sein Grinsen als unverschämt empfinden.

Der Jugendliche muss sich mit dem Rücken zu den Soldaten an eine Hauswand stellen, die Arme und Beine auseinander. Ein Soldat tritt ihm von hinten in die Knöchel. Der Jugendliche spreizt die Beine weiter und grinst. Ein paar routinierte Handgriffe der Soldaten geben Gewissheit, dass der Junge unbewaffnet ist. Er kann gehen.

Der tödliche Messerangriff auf die beiden ultra-orthodoxen Juden hat die Emotionen aufgewühlt. Der 21-jährige Aharon Bennett und der 41-jährige Nehemia Lavi waren Rabbiner. Bennetts Frau und ihr zweijähriges Kind wurden verletzt. Lavi starb, als er der Familie zu Hilfe eilte. Er lehrte an der Jeschiva (Religionsschule) der religiös-zionistischen Bewegung Ateret Kohanim. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Ost-Jerusalem und die Altstadt nach der Eroberung durch Israel im Sechstagekrieg 1967 „jüdisch“ zu machen. Keine 20 Meter vom Café entfernt ist die auffallend große israelische Fahne zu sehen, die über der Ateret-Kohanim-Jeschiva weht.

Bennetts Frau Adelle rammte der Attentäter das Messer in den Rücken. Dutzende Meter soll sie sich so durch die Altstadt-Gassen geschleppt haben. Später erzählte sie den Medien, dass die palästinensischen Händler in den Geschäften sie ausgelacht, verhöhnt und ihr den Tod gewünscht hätten, anstatt ihr zu helfen.

Aus unabhängiger Quelle bestätigen lässt sich das nicht. Die Polizei lud einige Altstadt-Araber wegen unterlassener Hilfeleistung vor. Die Stadtverwaltung schikaniert seitdem auch die Händler und Café-Betreiber in der Al-Wad-Gasse mit saftigen Geldstrafen für kleine Vergehen. „Vor zwei Tagen kamen sie und brummten mir eine Strafe von 500 Schekel (114 Euro) auf, weil auf den Tischen Aschenbecher standen“, klagt der 77-jährige Kaffeehausbetreiber Aschur Dschuweilis. Dabei seien die nur für die Wasserpfeifen-Raucher gewesen. Er hat jetzt sein Lokal geschlossen, weil er sich weitere Strafen nicht leisten kann.

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