Jobverlust soll gestoppt werden
Belgien legt Marshall-Plan für Wallonie auf

Leere Industriehallen reihen sich aneinander. Die Fenster sind eingeschlagen. Der Putz bröckelt. Die Landschaft entlang der Maas bei Lüttich erinnert an das Ruhrgebiet vor einigen Jahren. Gerade tragen Arbeiter die verrosteten Metallteile des vorletzten Hochofens der Region ab – seit April steht er kalt in der Landschaft. Die Metall-Industrie liegt am Boden und mit ihr eine ganze Region.

HB BRÜSSEL. In der Wallonie, dem französischsprachigen Teil Belgiens, liegt die Arbeitslosigkeit bei 18,5 Prozent im Vergleich zu acht Prozent im belgischen Durchschnitt. Um und in Lüttich erreicht sie sogar Werte über 20 Prozent. Und die Abwärtsspirale geht weiter, sagt Antoine Gruselin von der Metaller-Gewerkschaft FGTB in Lüttich: „Spätestens 2009 wird das Feuer im letzten Hochofen ausgehen. Bis dahin rechnen wir mit einem Verlust von über 10 000 Arbeitsplätzen.“

Damit die Region nicht völlig untergeht, will die wallonische Regionalregierung nun energisch gegensteuern: Heute stellt ihr Premierminister Jean-Claude Van Cawenberghe den so genannten „Marshall-Plan“ vor. Bis 2009 will seine Regierung eine Milliarde Euro in den Strukturwandel stecken. 280 Millionen Euro sollen in neue Industriefelder fließen. Der Schwerpunkt wird dabei auf pharmazeutischen Produkten und Lebensmitteln liegen. Außerdem wollen die Wallonen die Forschung mit rund 200 Millionen fördern. Ab 2007 sollen Unternehmen in besonders arbeitsarmen Regionen Steuererleichterungen erhalten.

Mit diesen Mitteln will die Regierung den weiteren Abbau von Arbeitsplätzen in der Metallindustrie abfedern. „Wir brauchen dringend neue Investoren in der Region. Und die kommen nicht ohne finanzielle Anreize“, sagt Gewerkschaftler Gruselin.

Der Billigflieger Ryanair habe sich in Charleroi niedergelassen, weil dort die meisten Subventionen zu holen waren. Der Lütticher Flughafen ging leer aus und beherbergt bisher nur wenige kleine Frachtfirmen. Die Arbeiter in den Metallbetrieben sind skeptisch, dass der angekündigte Plan etwas ändern wird. „Ich sehe hier, wie eine Produktionskette nach der anderen abgebaut wird. Das macht Angst“, meint Fabio di Liberto, der in einer der Lütticher Firmen Metall für die Autoindustrie bearbeitet. Riesige Rollen von Metallplatten schweben über den Kopf des Italieners hinweg.

Vor zwei Wochen hat sich in einem Nachbar-Unternehmen eine mehrere Tonnen schwere Rolle aus der Verankerung gelöst und einen Arbeiter unter sich begraben. Solche Todesfälle sind nicht selten. „Wir haben die Befürchtung, dass die Eigentümer immer weniger Geld in die Sicherheit investieren, weil sie wissen, dass sie die Fabrik in einigen Jahren schließen“, sagt Antoine Gruselin.

Die Arbeiter hoffen nun, dass die Regierung vorrangig in ihrer Region investiert. Während der Sommerpause hat die Regionalregierung ein Viertel ihrer Arcelor-Aktien verkauft. Der Arcelor-Gruppe gehört seit 2001 fast die gesamte Metallindustrie rund um Lüttich „Diese 90 Millionen Euro stehen uns zu. Niemandem sonst“, fordert Fabio die Liberto. Über den Namen des neuen Plans kann er allerdings nur lachen. „Das ist doch völlig übertrieben.“ Tatsächlich stellten die Amerikaner in ihrem Marschall-Plan nach dem Zweiten Weltkrieg 13 Milliarden Dollar zur Verfügung. Das würde heute einer Summe von über 100 Milliarden entsprechen.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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