John Simon Bercow
Vom Spieler zum Schiedsrichter

Der Tory-Abgeordnete John Simon Bercow ist neuer "Speaker" des britischen Unterhauses. Der 46-Jährige ist selbst in der eigenen Fraktion umstritten, weil er einst mit der konkurrierenden Labour-Partei anbandelte. Nun soll er den Ruf des Parlaments nach dem Spendenskandal wieder herstellen.

"Steh auf" rief ein Abgeordneter, als der klein geratene neue "Speaker" des Unterhauses auf der ersten Stufe seines Throns stehend die Antrittsrede hielt. Setzen durfte sich John Simon Bercow erst, nachdem die Königin ihn im Amt bestätigte. Bercows Wahl zum Speaker - dem Parlamentspräsidenten - war kontrovers. Eigentlich soll dieser über Parteipolitik erhaben sein, aber nur drei Tory-Abgeordnete stimmten für ihren eigenen Parteifreund. Parteichef David Cameron musste seine Fraktion mit heftigen Gesten zum Beifall ermuntern. Denn die Tories halten Bercow, der nun mit 46 Jahren jüngster Speaker seit 170 Jahren wird, für einen Verräter - hatte der doch in der Vergangenheit auch mit dem politischen Gegner angebandelt.

"Sie waren ein großer Tennisspieler, nun müssen sie Unparteiischer werden", gratulierte Premier Gordon Brown. Vor seiner politischen Karriere war Bercow eine der großen Hoffnungen des britischen Tennisnachwuchses. 1997 wurde er ins Unterhaus gewählt, diente ab 2001 im Schattenkabinett von Parteiführer Ian Duncan Smith, begann dann aber eine politische Wanderung nach links.

Als Bercow vergangenes Jahr eine Beraterfunktion für die Labour-Regierung annahm, glaubten die Tories, Bercow bereite seinen Wechsel zu Labour vor. Einige glauben sogar, dass dieser Wechsel vor allem seinem erklärten Karriereziel dienen sollte - Speaker zu werden.

Nun ist er am Ziel und steht vor einer schwierigen Aufgabe: Nach einem Spesenskandal muss er den Ruf des Unterhauses wieder herstellen. Außerdem muss er mit Reformen dem Parlament wieder zu mehr Relevanz verhelfen. Vieles wird unweigerlich zu Kontroversen führen - auch im Unterhaus selbst. Bercow kann diese Arbeit nur leisten, wenn das Haus hinter ihm steht. "Er ist der Speaker. Wir müssen ihm und seinem Amt Respekt zeigen", mahnte Tory-Promi Alan Duncan gestern seine Partei.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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