Joschka Fischer
Abschied ohne Show

Vor der Bundestagsabstimmung über den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan hielt Joschka Fischer seine letzte Rede als Außenminister. Der gefürchtete Rhetoriker gab sich ungewohnt zahm: Keine Spitze, kein Affront. Ein Handelsblatt-Report.

BERLIN. Einsam und alleine sitzt Joschka Fischer in der ersten Reihe der Regierungsbank. Ausgerechnet er, der fast immer zu spät kommt, ist heute viel zu früh da. Fast wirkt es, als wolle Fischer die letzten Minuten seines Amtes auskosten. Denn gleich wird er in der Afghanistan-Debatte des scheidenden Bundestages seine wohl letzte Rede als Bundesaußenminister halten. Während Noch-Außenminister Fischer also am Mittwochnachmittag seinen Kopf aufstützt und versonnen ins Halbrund des Plenums schaut, spricht draußen Noch-Verteidigungsminister Peter Struck in die Mikrofone. Dieser hat zumindest noch eine Chance, im Falle einer großen Koalition wieder auf der Regierungsbank Platz zu nehmen.

Fischer ist dagegen am Wahltag der Mantel der Macht entzogen worden. Jetzt sitzt er da, entblößt, weitgehend reduziert auf die Person Fischer. Er ist erfahren genug, um zu wissen: Es zählt nicht mehr viel, was er noch zu sagen, geschweige denn anzukündigen hat. Tatsächlich hat Fischer viel früher als andere begriffen, wie sexy Macht macht – und wie schnell man an Bedeutung verliert, wenn sie einem entzogen wird. Bereits zwei Tage nach der Bundestagswahl hat er deshalb einen Strich unter die vergangenen sieben Jahren gezogen und den um seine Zukunft noch kämpfenden Kanzler Schröder einfach stehen lassen.

Seither demonstriert Fischer die Leichtigkeit des Scheidens. „Er ist mit sich im Reinen“, bescheinigen alle in seiner Umgebung. Sein Vermächtnis hat er als Interview der „Tageszeitung“ übergeben – mit der für sein großes Ego nicht untypischen Einschätzung, er sei „einer der letzten Rock ’n’ Roller der deutschen Politik“.

Sicher, noch spielt Fischer den Außenminister. Vergangenen Donnerstag etwa traf er den stellvertretenden israelischen Regierungschef, Ehud Olmert, Anfang der Woche seinen sambischen Kollegen. Und kommenden Montag beschließt er mit den EU-Außenministern die Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit der Türkei. Alles nette Termine. Denn überall, auch in Washington, wird Fischer nochmals bescheinigt, es als Grüner zu diplomatischer Anerkennung geschafft zu haben.

Doch der Dauerstress ist beendet, Fischers Leben verlagert sich zunehmend weg vom „Amt“ am Werderschen Markt. Die Trophäen der siebenjährigen Amtszeit als deutscher Top-Diplomat, die sich in seinem mit Terracotta-Platten gefliesten Büro aufreihen, wird er bald zusammenpacken. Schon vor Monaten hatte er fast stolz erklärt, wie leicht ihm dies falle: „Ich nehme meine Sachen – und weg bin ich.“

Aber an diesem Mittwoch entlockt es ihm doch ein ungläubiges Lächeln, welche Konsequenzen der Machtverlust mit sich bringt. Nein, gemeint sind nicht Dienstwagen und Personenschutz, auf die Fischer nach eigenen Angaben gerne verzichtet. Aber die Union bietet als Hauptredner vor ihm ausgerechnet Friedbert Pflüger auf, den außenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. Spöttisch-mitleidig klopft ihm Noch-Kanzler Gerhard Schröder auf die Schulter. Er weiß, wie oft sich Fischer früher gerade über Pflüger lustig gemacht hatte. Als satisfaktionsfähig hat er ihn jedenfalls nie akzeptiert – kein Wunder, dass er oft als überheblich kritisiert wurde.

Und jetzt? Nicht einmal Pflüger reizt Fischer noch zu seiner gefürchteten Rhetorik. Als er um 14.17 Uhr ans Mikrofon tritt, gibt er genau acht Minuten lang eine sehr sachliche Begründung, wieso der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr gut und wichtig sei. Keine Spitze, kein Affront. Man vergisst fast, wieso gerade Fischer als ständiger Tabubrecher für viele Unionspolitiker zum roten Tuch geworden war.

Anders als früher, als er von Termin zu Termin hetzte, um seine Unverzichtbarkeit zu demonstrieren, sitzt Fischer diesmal sogar brav die ganze Debatte ab – die einer einzigen, bizarren Abschiedsshow gleicht. Denn der scheidende FDP-Abgeordnete Günther Nolting dankt minutenlang Gott und der Welt. Auch der allseits unbekannte CDU-Abgeordnete Helmut Rauber hält seine Abschiedsrede im Bundestag.

Geduldig lässt Fischer all dies über sich ergehen, auch wenn der Oberkörper zunehmend nach vorne sackt. Seine Finger verfallen erst in ein genervtes Dauerstakkato auf der Regierungsbank, als auch noch Martin Hohmann, der von der CDU verstoßene Abgeordnete, nach vorne eilt. Der große Welterklärer Fischer ist in den Niederungen des Parlamentsalltags angekommen.

Vielleicht erhebt er sich auch deshalb irgendwann und schlendert zu den Grünen. Ein wenig wirkt es, als wolle er sich schon einmal einen Stuhl aussuchen. Dabei tuscheln in der Fraktion immer noch einige, sie könnten sich einfach nicht vorstellen, dass Fischer wirklich den Hinterbänkler geben wird. Immerhin hat er sich als graue Eminenz in die Wahl der Fraktionsführung nicht eingemischt. Der Blues wird ihn wohl erst packen, wenn er seinen Nachfolger vorne am Pult reden hören wird. Und wer weiß, vielleicht führt ihn sein Weg doch weg aus dem Bundestag hinein in ein internationales Amt. Oder an den Schreibtisch – um seine Memoiren zu verfassen.

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