Joschka Fischer in Paris
Wenn polternde Politrentner über Europa richten

Skandalisierung statt Altersweisheit: Die früheren Amtskollegen Joschka Fischer und Frankreichs Hubert Védrine malen Europas Zukunft tiefschwarz. Doch bei einem Thema prallten die beiden Apokalyptiker aufeinander.
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ParisAlter ist nicht immer milde. Es gibt sogar Fälle, in denen man vergeblich auf die Weisheit wartet. In der deutschen Botschaft in Paris trafen sich aus Anlass des 25. Jahrestags des Mauerfalls vier in Ehren ergraute Fahrensmänner der deutsch-französischen Beziehungen.

Es wurde ein unterhaltsamer Abend am Montag, doch konstruktive Ideen vermisste man über weite Strecken: Oft suchten die Teilnehmer, sich gegenseitig in apokalyptischen Darstellungen Europas und des deutsch-französischen Verhältnisses zu überbieten.

Eigentlich sollten Joschka Fischer, Ex-Bundesminister des Äußeren, Hubert Védrine, der Staatspräsident Franҫois Mitterrand als Amtschef und später als Außenminister gedient hat, Jean-Pierre Chevènement, der Innen- und Verteidigungsminister war sowie Peter Hartmann, früher Staatssekretär im AA und Botschafter in Paris, sich der Frage widmen, welche Folgen der Mauerfall für Europa hatte. Doch während Hartmann ruhig analysierte und Chevènement sich vor allem mit dem Verhältnis zu Russland befasste, überboten Fischer und Védrine sich in der Disziplin „wer sieht am Schwärzesten“.

Fischer ließ es mit dem Fischer-gemäß stirnrunzelnd vorgetragen Hinweis, es gebe „kein deutsch-französisches Projekt mehr“ und dem Hinweis, das „europäische Projekt“ könne deshalb scheitern, noch vergleichsweise moderat angehen. Védrine übertrumpfte ihn mit der Feststellung: „Es gibt kein deutsch-französisches Paar mehr“, es existiere „auch keine deutsch-französische Entente mehr“, die müsse erst mühsam neu geschaffen werden, falls das den gelingen könne.

Da wir nehmen, dass die beiden es besser wissen, spekulierten sie offenbar auf das kurze Gedächtnis der Zuhörer. Deshalb eine kleine Gedächtnisstütze: Wie gut verstanden sich Deutschland und Frankreich, als die französische Regierung nach der Tschernobyl-Katastrophe unverfroren erklärte, die Wolke mit radioaktivem Staub habe am Rhein haltgemacht? War es um das „deutsch-französische Projekt“ etwa besser bestellt, als Mitterrand vor 25 Jahren nach Ost-Berlin pilgerte, um dem Honecker-Nachfolger Egon Krenz den Rücken zu stärken? Waren die Beziehungen harmonischer, als Jacques Chirac im Januar 1996 die französischen Atomtests wiederaufnahm und das Mururoa-Atoll völlig zerschoss? Gab es deutsch-französische Harmonie, als Nicolas Sarkozy 2007 eine „Mittelmeer-Union“ an die Stelle oder zumindest neben die EU setzen wollte? Oder als die Bundeskanzlerin ohne jede Konsultation mit ihrem Partner über Nacht den Ausstieg aus der Kernenergie verkündete?

Kommentare zu " Joschka Fischer in Paris: Wenn polternde Politrentner über Europa richten"

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  • Schlimmer als ein Wendehals des ehemaligen Ostens.

    Für die Wendehälse im Osten musste man Verständnis aufbringen, weil sie um Ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen mussten. Im Fall Fischer muss man feststellen, dass er von seinen Politikerpensionen fürstlich leben kann und dennoch Puderzucker bläst.

    Man stelle sich nur einmal vor, welcher äußere Wandel bei dem Mann seit seiner Zusammenarbeit mit Wörner - oder davor - eingetreten ist oder sein Kampf gegen die Atomkraft und sein Beratungsmandat für RWE.

    Eigentlich sind es diese Typen nicht wert, dass man überhaupt einen Kommentar abgibt.

    Charakterlich halte ich heute von Gott-Vater, wie er sich gerne nennen lässt, noch das Gleiche wie damals.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte verwenden Sie keine Zitate ohne Quellenangabe

  • Offenbar haben die Polit-Rentner, die sich da in Paris ausgetauscht haben, noch einen einen weiten Weg der Erkenntnis vor sich. Fakt ist nämlich, daß es überhaupt nicht mehr auf das ankommt, was EU-Europa denkt oder will.

    Rußland und China bilden die neue Machtachse in der Welt. Sie kooperieren in Energiefragen, es gibt gemeinsame Militärmanöver, sie bauen systematisch internationale Handelsrouten auf dem Landweg, wo sie nicht durch US-Marine bedroht werden können, aus ("neue Seidenstraße"), sie gliedern Schritt für Schritt andere BRICS-Staaten in Fragen des internationalen Handels und der internationalen Finanzen an, chinesische Banken springen in die Lücke, die die Finanzsanktionen des Westens für russische Banken gerissen haben und sie fügen den USA auf dem weltpolitischen Parkett eine Niederlage nach der anderen (Syrien, Abfuhr für TPP) zu.

    Europa verkommt zu einem Wurmfortsatz des schwächelnden und total überschuldeten US-atlantischen Imperiums. Dabei schwächt Europa sich immerzu selbst durch die total verkorkste Gemeinschaftswährung und die dadurch erzwungene sozialistische Vergemeinschaftung der Staatsschulden und durch die hirnrissige Energiewende in Deutschland.

    Rußland und China gehen ihren Weg, egal, was die EU sagt oder fordert. Europa ist nicht mehr der Nabel der Welt. Die Musik wird anderswo gemacht.

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