Julia Timoschenko
„Ich strebe ein pragmatisches Verhältnis zu Russland an“

Noch ist sie Ministerpräsidentin der Ukraine - aber sie will Präsidentin werden: Julia Timoschenko. Die 49-Jährige gilt als machtbewusst und charismatisch. Mit dem Handelsblatt sprach die Politikerin über ihre Reformpläne und das Verhältnis zum großen Nachbarn Russland.
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Handelsblatt: Was würde sich unter Ihrer Präsidentschaft verändern?

Julia Timoschenko: Wir beschleunigen den Modernisierungsprozess. Um ein fortschrittliches, modernes Land zu werden, müssen wir uns vor allem darum kümmern, europäische Standards einzuführen. Dazu muss unsere gesamte Gesellschaft umgebaut werden.

Wie sehen Ihre Reformpläne im Detail aus?

Meine erste Maßnahme wird eine breit angelegte Justizreform sein. Ohne eine unabhängige, nach professionellen Standards arbeitende Justiz wird es bei uns keine Transparenz in Wirtschaft und allen anderen Teilen der Gesellschaft geben. Das ist vor allem notwendig, weil ohne die Hilfe internationaler Investoren unsere Wirtschaft nicht überlebensfähig sein wird. Es besteht kein Anlass zur Sorge, dass es bei mir eine Welle von Verstaatlichungen oder gar Enteignungen geben wird. Im Gegenteil, ich will mehr Konkurrenz auf dem ukrainischen Markt.

Wie soll die von der Wirtschaftskrise angeschlagene Wirtschaft reformiert werden?

Die größten Stolpersteine heißen bei uns Bürokratie und Korruption. Diese Grundübel verhindern, dass wir für ausländische Investoren interessant sind. Es muss gelingen, innerhalb der nächsten 18 Monate Reformen voranzubringen, andernfalls bekommen wir ernsthafte Probleme.

Zwischen Russland und der Ukraine gibt es große Spannungen. Wie sollen die Beziehungen in Zukunft aussehen?

Ich strebe ein pragmatisches Verhältnis zu Russland an. Dazu müssen unsere Beziehungen aber erst einmal normalisiert werden. Als Ministerpräsident habe ich erste Schritte dahin unternommen. Gemeinsam mit Russland wurde ein Zehnjahresvertrag im Gassektor verhandelt, außerdem wird die Kooperation im Flugzeugbau, in der Nanotechnologie und der Nukleartechnik aktiviert. Eine Zusammenarbeit kann jedoch nur funktionieren, wenn man sich gegenseitig respektiert. Ich denke in Russland hat man das begriffen.

Würden Sie eine Nato-Mitgliedschaft zugunsten einer guten Nachbarschaft mit Russland aufgeben?

Beim Nato-Beitritt plädiere ich für ein Referendum. Das Thema ist sensibel und es wird noch Zeit brauchen, bis wir uns damit auseinandersetzen werden.

80 Prozent des in Europa verbrauchten Erdgases kommt über Pipelines von Russland durch die Ukraine. Wie und mit welchen Partnern soll der Gassektor reformiert und modernisiert werden?

Die Gasfrage ist in den letzten Jahren extrem politisiert worden. In Zukunft müssen alle am Gasmarkt Beteiligten intensiver zusammenarbeiten. An einer Modernisierung sollten sich alle beteiligen. Eins ist bei mir jedoch nicht verhandelbar: Das Gastransportsystem ist und bleibt im staatlichen Besitz der Ukraine, eine Privatisierung würde die Freiheit meines Landes gefährden, und das werde ich nie zulassen.

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  • Wie ist denn das nun mit den Gasvorräten? braucht sich Österreich Sorgen machen oder eh nicht?

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