Julian Assange
Das Gesicht von Wikileaks - verehrt und gehasst

Immer auf der Flucht und doch ganz vorne: Julian Paul Assange ist das Gesicht der Enthüllungswebseite Wikileaks. Der Australier wird von den einen als furchtloser Wahrheitsbringer verehrt, von den anderen als größter Geheimnisverräter der Weltgeschichte gehasst. Ein gefährliches Leben.
  • 6

DÜSSELDORF. Nur ein Gesicht prägt die Enthüllungswebseite Wikileaks: Julian Paul Assange. Ein Mann auf der Flucht, gehetzt von den mächtigsten Regierungen der Welt, heimatlos. Von den einen verehrt als der furchtlose Wahrheitsbringer, von den anderen gehasst und verachtet als der größte Geheimnisverräter der Weltgeschichte. Auf den Servern und Festplatten seiner Plattform Wikileaks lagern mehr brisante Dokumente und Geheiminformationen aus Regierungskreisen als wahrscheinlich bei allen anderen Medienkonzernen der Welt zusammen.

Der Rest seines straff organisierten Netzwerks aus Unterstützern und Mitarbeitern agiert im Dunkeln. Das hat gute Gründe. 2009 erhielt der gebürtige Australier Assange stellvertretend für Wikileaks den Amnesty-International-Preis für Medien – für das öffentliche Anprangern illegaler Exekutionen in Kenia. Ein Land, in dem zwei Systemkritiker und bekennende Wikileaks-Sympathisanten unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen. Es kann sehr gefährlich sein, sich mit Machthabern anzulegen. Deshalb bleiben Assanges Mitstreiter anonym.

Julian Assange wurde 1971 in Townsville in Queensland, Australien, geboren und war Zeit seines Lebens ruhelos. Schon als Kind führte er ein unstetes Leben, zog oft mit seinen Eltern um, wechselte laufend die Schule. Eine Art unfreiwilliges Vagabundenleben, das ihn bis heute prägt. Mittlerweile vermeidet er immerhin jede Reise in die USA, um einer Verhaftung zu entgehen. Assange taucht nur manchmal unangekündigt aus dem Nichts auf – wie auf einer Vortragsveranstaltung im britischen Oxford. Dann verschwindet er wieder, in diesem Fall unter tosendem Applaus der Kongressteilnehmer.

Aber wohin? Das wird schon deshalb immer undurchsichtiger, weil Assange fürchten muss, dass ihm immer mehr die Häscher auf den Fersen sind. Der selbst ernannte Freiheitsaktivist hat schon als journalistisch tätiger Teenager erste Bekanntschaft mit den Strafverfolgungsbehörden gemacht – diese Erfahrung will er nicht wiederholen.

Selbst die Polizei seines Heimatlandes hat jetzt Ermittlungen gegen ihn aufgenommen. Es werde geprüft, ob durch die jüngsten Veröffentlichungen australische Gesetze gebrochen wurden, sagte Justizminister Robert McClelland. Angeblich haben die USA die australische Regierung gebeten, Assange in einem ersten Schritt schon mal den Pass zu entziehen. Angespannt und ausgezehrt wirkt der hagere Enddreißiger mittlerweile bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten.

Mitte 2010 gab es noch Hoffnung für ihn. Damals plante Assange, im liberalen Schweden sein Hauptquartier aufzuschlagen. Er beantragte eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, die aber abgelehnt wurde. Stattdessen tauchten auf einmal Gerüchte über schwere Straftaten Assanges auf. Er soll in Schweden zwei Frauen vergewaltigt und sexuell genötigt haben. Ein erster Haftbefehl wurde nach einem Tag wieder aufgehoben, aber seit Mitte November besteht ein internationaler Haftbefehl gegen ihn. Assanges Verzweiflung scheint immer größer zu werden, angeblich ist nun ein Asylantrag in der Schweiz sein Ziel. Ausgerechnet in der Heimat des Bankhauses Julius Bär, das der studierte Physiker Assange schon 2008 bloßgestellt hatte.

Wenn alle Stricke reißen, bleibt ihm nach Medienberichten noch ein Zufluchtsort: Kuba soll ihm und Wikileaks „Asyl“ angeboten haben – allerdings nur unter der Bedingung, dass er nicht über den Karibikstaat berichtet.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Julian Assange: Das Gesicht von Wikileaks - verehrt und gehasst"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wie sagt der amerikanische Journalist ? "if you don't want it to be in the presse, don't make it happen." Also, wenn man nicht will, dass seine Schweinereien publik werden, soll man sie nicht begehen !F

  • Leider, so befürchte ich, wird er das nicht mehr lange durchstehen. internationaler Haftbefehl, Pass bald auch entzogen, ... und weiß der Geier, was sich die Regierungen noch einfallen lassen. Der Junge hat aktuell ein hartes Leben.
    ich wäre nicht überrascht, wenn er misteriös ums Leben kommt :-(

  • Herr Assange ist der Robin Hood des 21. Jahrhunderts. Möglicherweise kann er verhindern, dass Millionen von Menschen ihre Freiheit oder gar ihr Leben verlieren.
    Die Wahrheit will niemand hören, schon gar nicht die Mächtigen dieser Welt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%