Juncker
„Es ist nicht gut, wie Deutschland über die Griechen spricht“

Der Chef der Euro-Gruppe Jean-Claude Juncker glaubt an eine Rettung Griechenlands. Im Interview spricht er über das neue Rettungspaket für Athen, die Möglichkeit einer harten Umschuldung und die Sorgen der Deutschen.
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Herr Premierminister, zum zweiten Mal muss Europa Griechenland mit einem milliardenschweren Hilfspaket retten. Wird Griechenland das Geld jemals zurückzahlen können?

Dies wird ein extrem schwieriger Prozess für die Griechen werden. Aber ich muss feststellen, dass die Griechen ganz erhebliche Bemühungen bei der Konsolidierung des Haushalts erbracht haben. Sie haben sich jetzt bereit erklärt, bis Ende des Jahres noch einmal Maßnahmen in Höhe von drei Prozent des griechischen Bruttosozialproduktes zur Haushaltskonsolidierung vorzunehmen. Auf Deutschland übertragen, würde das bedeuten, dass in sechs Monaten dieses Jahres 125 Milliarden Euro eingespart werden.

Das werden die Griechen tun. Die Griechen sind einverstanden, ein sehr ambitioniertes Privatisierungsprogramm auf den Weg zu bringen. Hinzu kommen eine Menge Strukturreformen, damit sich das Wachstumspotenzial Griechenlands auf Dauer nach oben bewegt. Deshalb denke ich, dass die Perspektiven Griechenlands nicht so abgrundtief dunkel sind, wie sie oft beschrieben werden. Aber ich möchte überhaupt nicht den Eindruck aufkommen lassen, dass dieser Prozess einfach für Griechenland sei. Er wird für die Griechen sehr schwierig werden.

Vertrauen Sie darauf, dass die Griechen das schaffen werden?

Ja. Aber ich betone: Es wird nicht im Handumdrehen machbar sein.

Wäre nicht eine harte Umschuldung nach dem Motto „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ besser für Europa und auch für Griechenland?

Das sehe ich nicht so. Wenn man jetzt einen harten Schuldenschnitt machen würde, hätte dies eine Ansteckungsgefahr für viele Staaten in Europa mit unabsehbaren Konsequenzen zur Folge. Wir verfügen über keinerlei empirische Erfahrungen darüber, was es hieße, wenn sich ein Mitglied einer Währungsunion, wie es sie weltweit nur einmal gibt, zu einem solchen Schritt entschließen würde. Ich halte die Risiken für so hoch, dass ich vor einem solchen Schritt nur warnen kann.

Bundeskanzlerin Angela Merkel macht die Zusage zu einem zweiten Hilfspaket für Griechenland von einer Beteiligung privater Gläubiger abhängig. Ist diese Forderung in Europa mehrheitsfähig?

Das hängt davon ab, wie man das im Detail ausgestaltet. Es gibt in der Euro-Zone eine wachsende Zustimmung für eine grundsätzliche Beteiligung der privaten Gläubiger. Man kann über die Beteiligung der Privatgläubiger reden. Das tun wir zurzeit, die Gespräche werden am Sonntagabend und am Montagvormittag fortgesetzt. Aber es gibt gewisse rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen: Es darf nicht zu einem Kreditausfall und einer weiteren Absenkung der Bonität Griechenlands kommen. Die Beteiligung muss freiwillig sein. Und es muss alles vermieden werden, was mit einer Ansteckungsgefahr für andere verbunden wäre.

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  • Keine Frage: Die Worte von Herrn Junker haben bei uns Gewicht. Hinsichtlich der Kritik an der deutschen Griechenschelte sollte jedoch berücksichtigt werden, dass
    die Griechen bereits zum Eintritt in die Währungsunion
    die eigene Handelsbilanz geschönt haben. Wenn man deutsche Unternehmen befragt so wird deutlich: das ist
    leider keine Einzelfall - sondern hat System!

  • Wo war Herr Juncker, als die europäischen Staaten sich überschuldet haben? Dieser Vorgang ist zunächst einmal ein Versagen der europäischen Institutionen, zu denen Herr Juncker gehört. Statt kluge Ratschläge zu geben und über Geld zu verfügen, das ihm nicht gehört, sollte er sich entschuldigen und erklären, wie er persönlich so etwas in Zukunft verhindern will.

  • Der Sozialimus ist die zwangsläufige Folge der geldgesteuerten Marktwirtschaft (wie Prof. Hankel den "Kapitalismus" sehr treffend nannte). Marx hat dies mit seiner Vorhersage des tendenziellen Fallens der Profitrate (Profit = Erlös - Kosten) als notwendige Folge vorhergesagt. Jetzt ist in vielen Wirtschaftbereichen die Profitrate sogar negativ, d.h. der Preis der Nachfrage und der Preis des Angebots einer Leistung klaffen soweit auseinander, dass sozusagen ein unternehmerisches Handel(n) nur mit Verlust stattfindet bzw. eben ganz ausbleibt und z.B. Millionen Arbeitslose statt für 3 Euro zu arbeiten, sich für 4 Euro regelmäßig vom Amt schickanieren lassen.

    Die Lücke zwischen beiden Preisen wurde ein paar Jahrzehnte durch von vornherein absehbar ungedeckte Kredite überbrückt und der Systemwiderspruch so kaschiert. Da der Zusammenbruch der Miss-kreditpyramide nun unmittelbar bevorsteht, sollte man sich endlich wieder des grundlegenden Systemwiderspruchs annehmen.

    Wie wir gerade live miterleben, führt dieser eben zwangsläufig zum Sozialimus oder wie ist es sonst zu erklären, dass Politiker wie Schäuble, die jahrzehntelang für Marktwirtschaft und gegen den Sozialimus gekämpft haben, selbigen nun einführen müssen?

    Das eigentliche Problem ist allerdings dabei, dass ein nur verordneter Sozialismus nie funktioniert, wie der Ostblock hinreichend bewies. D.h. es gilt den Sozialismus mit Freiheit und Marktwirtschaft zu verbinden. Wie genau ist noch offen. Vielleicht wird es dadurch gelingen, dass wir Menschen in der Dichte und gegenseitigen Verflechtung, in der wir mittlerweile zusammenleben, erkennen, dass wir eine für die heutige Realität irreale Vorstellung von Gewinn haben und deshalb die falschen Prioritäten in unserem individuell ökonomischen Handeln setzen. Wenn wir das als Gewinn erkennen würden, was unter heutigen Bedingungen auch tatsächlich Gewinn ist, statt archaischen Trieben des größer und mehr zu folgen, könnte sich vieles in Wohlgefallen auflösen.

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