Jung, studiert, Flüchtling
Asylbewerber als Fachkräfte von morgen?

Sie fliehen vor politischer Verfolgung, vor Not und Elend - seit gut zwei Jahren wächst die Zahl der Asylbewerber. Seit klar ist, dass unter ihnen auch Ärzte, Ingenieure und Techniker sind, interessiert man sich für sie.
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Nürnberg/AugsburgHätte nicht der Bürgerkrieg sein Heimatland zerrüttet, dem 36 Jahre alten Syrer wäre eine Bilderbuchkarriere als Arzt sicher gewesen. Sechs Jahre hatte er in Syrien als Assistenzarzt in der Chirurgie gearbeitet, die letzten vier Jahre als Neurologe. Heute lebt er in Augsburg. In einer Flüchtlingsunterkunft hofft er - weitgehend untätig - auf ein Leben in Frieden. Dass der Syrer ein hoch spezialisierter Mediziner ist, interessierte bisher kaum jemanden.

Doch das hat sich geändert. Im Rahmen eines Modellprojekts der Bundesagentur für Arbeit und des Bundesamtes für Migration winkt dem syrischen Arzt die Chance, bald schon in Deutschland als Arzt arbeiten zu können. Noch vor kurzem wäre das nahezu undenkbar gewesen. Schließlich war das Thema „Jobvermittlung für Asylbewerber“ bei der eher auf Abschottung ausgerichteten Ausländerpolitik weitgehend tabu.

Mit der schwarz-roten Koalition hat sich der Wind gedreht. So sollen Asylbewerber laut Koalitionsvertrag statt nach neun künftig schon nach drei Monaten in Deutschland arbeiten dürfen - vorausgesetzt, es findet sich kein geeigneter Kandidat mit deutschem oder EU-Pass. Hoch qualifizierte Asylbewerber sollen zudem schon kurz nach ihrem Asylantrag auf ein Arbeitsleben in Deutschland vorbereitet werden - damit sie später rasch als Fachkräfte vermittelt werden können.

Das im Februar gestartete Modellprojekt ist zunächst auf sechs deutsche Städte beschränkt: Neben der Arbeitsagentur in Augsburg sind daran auch die BA-Jobvermittler in Bremen, Dresden, Freiburg, Hamburg und Köln beteiligt. 200 bis 300 Asylbewerber sollen davon in der Modellphase profitieren, berichtet der für das Projekt zuständige Geschäftsführer in der Bundesagentur-Zentrale, Christian Rauch. Es gehe erst mal nicht um große Zahlen, sondern darum, Erfahrung zu sammeln.

Ob das Modell auch auf andere Regionen ausgeweitet wird, ist nach Einschätzung Rauchs nicht nur eine Frage des politischen Willens, sondern auch des Personals: „Das Problem ist die Auswahl der Bewerber. Dazu brauchen wir viel Betreuungskapazität. Das können wir unmöglich für alle Asylbewerber darstellen.“

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Wer keinen Schulabschluss hat, kommt nicht in die Auswahl

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