Junge Japaner stehen Jobwechsel offener gegenüber
Die mobile Karriere kommt in Mode

Als Tatsuo Hisamatsu seine Anstellung in der Exportabteilung der Textil- und Pharmafirma Teijin aufgeben wollte, versuchten alle, ihm das auszureden. Als Festangestellter bei einer der japanischen Großfirmen und mit einem Studium an einer Eliteuniversität in der Tasche hatte er doch alles, was man sich wünschen könnte.

TOKIO/IBARAKI. Doch Hisamatsus Träume sahen anders aus – und so verließ er vor viereinhalb Jahren die Industriestadt Osaka und wurde Biobauer. Heute pflanzt er im kleinen Ort Niihari in der Präfektur Ibaraki nördlich von Tokio Salate, Auberginen und Ingwer auf quer über das Dorf verteilten Feldern an und verschickt Gemüse und Obst im Direktversand. „Ich wollte auf dem Land leben und mein eigener Herr sein“, erzählt der 34-Jährige mit dem spitzbübischen, dünnlippigen Lächeln. Das Leben in einer Großfirma sei nichts für ihn gewesen. „Jetzt bin ich glücklich.“

Hisamatsu ist nicht der einzige, der dem alten Traum der lebenslangen Anstellung bei einer einzigen Firma eine Absage erteilt hat. Die Karrieremuster in Japan sind in den vergangenen fünfzehn Jahren vielfältiger, der Arbeitsmarkt ist flexibler geworden. Mittlerweile arbeitet etwa jeder Dritte Beschäftigte in Japan in Teilzeit- und Gelegenheitsjobs oder lässt sich über eine Zeitarbeitsfirma anwerben.

„Der japanische Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren immens verändert“, meint Raymond Torres von der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Wegen der Überschuldung, hoher Kosten und eines wachsenden internationalen Wettbewerbs mussten die Unternehmen seit Mitte der Neunzigerjahre ihre Belegschaften reduzieren und dafür teure Abfindungen zahlen. Seither besetzen sie qualifizierte Stellen lieber gleich nur auf Zeit.

Zugleich stünden für viele junge Leute Ziele wie materielle Sicherheit und Beständigkeit heute nicht mehr im Vordergrund, sagt Yasukuni Nambu, Gründer der Zeitarbeitsfirma Pasona, die mittlerweile an der Börse notiert ist. „Früher gab es in Japan die Ronin, die zu keinem Feudalclan gehören wollten. Heute sind das die Freeter.“ Der Begriff setzt sich aus dem englischen „free“ und dem deutschen „Arbeiter“ zusammen und steht für Gelegenheitsjobber. Sie warten Computer, helfen im Büro, verkaufen in Geschäften, bedienen in Restaurants.

60 000 Zeitarbeiter schickt Nambu regelmäßig zu japanischen Firmen. Er ist nicht der einzige, der vom explodierenden Markt für Zeitarbeit profitiert, der sich im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht hat. Die Deregulierung des japanischen Arbeitsmarktes beschleunigt diese Entwicklung weiter: Zeitarbeitskräfte dürfen mittlerweile bis zu drei Jahre auf einer Stelle bleiben und in ihnen bisher verschlossenen Bereichen eingesetzt werden, was sie für Firmen interessanter macht.

Doch die neue Flexibilität bringt nicht nur Sonnenschein. Die Teilzeit- und Zeitarbeitsplätze in Japan sind im Schnitt deutlich schlechter bezahlt als Festanstellungen. Die Pioniere des Freeter-Daseins, die langsam die 40 Jahre erreichen, sorgen sich allmählich doch um fehlende Sozialleistungen, Weiterbildung und Aufstiegschancen. Die flexiblen Arbeitsverhältnisse seien in Japan häufig eine Karriere-Sackgasse, betont OECD-Experte Torres. Zudem leide das Niveau der Aus- und Weiterbildung, weil die Firmen sich nur um ihre Festangestellten kümmerten.

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