International

_

Justiz-Thriller Timoschenko: Kiew blickt nach Straßburg

In ihrem Kampf um Freiheit setzt die ukrainische Ex-Regierungschefin auf die Straßburger Richter. In ihrer Heimat ist die Skepsis groß - selbst ein Urteil zugunsten der Politikerin bliebe wohl weitestgehend folgenlos.

„Die Oppositionsführerin Julia Timoschenko ist hinter Gittern - Unschuldig!". Das Plakat steht auf dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum der westukrainischen Stadt Rowno. Quelle: dpa
„Die Oppositionsführerin Julia Timoschenko ist hinter Gittern - Unschuldig!". Das Plakat steht auf dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum der westukrainischen Stadt Rowno. Quelle: dpa

KiewBegnadigung unwahrscheinlich: Trotz großen Drucks aus der Europäischen Union sitzt die ukrainische Oppositionsführerin Julia Timoschenko seit 21 Monaten in Haft. In mehr als 100 Gesuchen haben Politiker, bekannte Sportler und Persönlichkeiten bei Präsident Viktor Janukowitsch um Gnade für die Ex-Regierungschefin gebeten. Dennoch empfahl erst am Wochenende eine Kommission erneut, eine Amnestie abzulehnen.

Anzeige

Timoschenko hofft nun umso mehr auf eine klare Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) an diesem Dienstag (30. April). „Für uns ist wichtig, dass das Gericht die politischen Gründe für Frau Timoschenkos Haft anerkennt“, sagt Verteidiger Sergej Wlassenko. Er meint, dass Janukowitsch seine schärfste Gegnerin ausschalten wollte. Sie ist wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Der EGMR kann zwar nicht die Freilassung Timoschenkos anordnen. Falls aber die Straßburger Richter der Argumentation der Verteidigung folgen, könnte Janukowitsch wohl nur noch sehr schwer begründen, warum er seine Erzrivalin nicht amnestiert, meinen Experten in der Ex-Sowjetrepublik. Vor allem, da der Präsident erst vor kurzem Timoschenkos Vertrauten, den Ex-Innenminister Juri Luzenko, aus umstrittener Haft entließ.

Chronik: Der Fall Timoschenko

  • 03. März 2010

    Regierungschefin Julia Timoschenko muss nach einem Misstrauensvotum des Parlaments in Kiew zurücktreten. Ihr wird Amtsmissbrauch vorgeworfen. Sie habe zum Nachteil der Ukraine ein Abkommen über russische Gaslieferungen geschlossen.

  • 24. Juni 2011

    In Kiew beginnt der Prozess. Im Gerichtssaal und auf der Straße kommt es zu Tumulten zwischen Gegnern und Unterstützern.

  • 05. August 2011

    Timoschenko kommt in Untersuchungshaft.

  • 11. Oktober 2011

    Trotz massiver internationaler Proteste verurteilt ein ukrainisches Gericht Timoschenko zu sieben Jahren Straflager und umgerechnet 137 Millionen Euro Schadenersatz. Sie legt Berufung ein.

  • 18. Oktober 2011

    Nach dem Urteil sagt die EU ein Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch ab, der als Gegner von Timoschenko gilt. Viele halten ihn für den Drahtzieher des Prozesses.

  • 30. Dezember 2011

    Timoschenko kommt in ein Frauenlager in der Stadt Charkow, rund 450 Kilometer östlich von Kiew.

  • 14. Februar 2012

    Die Oppositionsführerin klagt über Rückenschmerzen und wird im Straflager von Spezialisten der Berliner Klinik Charité untersucht. Die Ärzte stellen einen Bandscheibenvorfall fest.

  • 20. April 2012

    Timoschenko tritt aus Protest gegen ihre Behandlung durch das ukrainische Personal in Charkow in einen Hungerstreik.

  • 08. Mai 2012

    Ein geplantes Gipfeltreffen im ukrainischen Jalta wird abgesagt. Viele Staatschefs, darunter Bundespräsident Joachim Gauck, waren aus Protest gegen den Umgang mit Timoschenko ferngeblieben.

  • 09. Mai 2012

    Die Ex-Regierungschefin kommt in eine Spezialklinik außerhalb des Straflagers und beendet nach etwa drei Wochen ihren Hungerstreik.

  • 21. Mai 2012

    Ein zweiter Strafprozess gegen Timoschenko wegen angeblicher Steuerhinterziehung und Veruntreuung wird vertagt.

  • 08. Juni 2012

    Beginn der Fußball-EM in Polen und der Ukraine. EU-Politiker boykottieren wegen Timoschenko die Spiele in der Ex-Sowjetrepublik.

  • 03. Juli 2012

    Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg verurteilt die Justizwillkür in der Ukraine. Die Verhaftung von Timoschenkos früherem Innenminister Juri Luzenko im Jahr 2010 sei „willkürlich und ungesetzlich“ gewesen.

  • 20. Juli 2012

    Der EGMR teilt mit, er werde sich am 28. August mit der Inhaftierung Timoschenkos befassen.

Zudem macht die EU ihre Unterschrift unter ein längst ausgehandeltes Assoziierungsabkommen mit Kiew auch von Timoschenkos Freiheit abhängig. „Die Ablehnung, die Ex-Ministerpräsidentin zu begnadigen, trägt nicht zur Eurointegration der Ukraine bei“, kritisiert Boxweltmeister und Oppositionspolitiker Vitali Klitschko.

Aber der Fall ist viel kniffeliger, denn längst läuft gegen Timoschenko ein zweiter, ebenfalls scharf kritisierter Prozess, diesmal wegen Steuerhinterziehung. Zudem will die Staatsanwaltschaft die 52-Jährige wegen Auftragsmordes an dem Abgeordneten Jewgeni Schtscherban vor mehr als 16 Jahren anklagen.

Auch wegen dieser Verfahren lehnte die staatliche Kommission eine Begnadigung ab. Regierungschef Nikolai Asarow betont, dass höchstens „humanitäre Gründe“ eine Entlassung rechtfertigten - Timoschenko leidet an den Folgen eines Bandscheibenvorfalls und wird von Ärzten der Berliner Charité an ihrem Haftort Charkow behandelt.

Boxen International Klitschko: Ukraine muss bestraft werden

Witali Klitschko hat auf politischer Bühne zugeschlagen. Der 41-Jährige forderte EU-Sanktionen für Beamte und Justizmitarbeiter, die politische Verfolgung verantworten.

Boxen International: Klitschko: Ukraine muss bestraft werden

Hinzu kommt, dass in der Ukraine der Einfluss der Ikone der prowestlichen Revolution von 2004 spürbar schwinde, meinen Experten. Nun habe die Opposition bereits Kurs auf die Präsidentenwahlen 2015 genommen, sagen Experten. Dazu kürte zwar die Vereinte Opposition Timoschenko schon zu ihrer Kandidatin. Doch ernsthaft mit ihrer Freilassung rechnet derzeit offensichtlich niemand.

Kommentatoren betonen, dass die charismatische Politikerin als Konkurrentin zu gefährlich wäre für Amtsinhaber Janukowitsch. Im Gegenzug streuen regierungsnahe Kreise, dass selbst Oppositionsführer wie Parlamentsneuling Wladimir Klitschko oder der Fraktionsvorsitzende von Timoschenkos Partei, Arseni Jazenjuk, lieber ihre eigenen Ambitionen vorantrieben denn die Freiheit ihrer offiziellen Anführerin.

  • 29.04.2013, 13:59 UhrPisaPisa

    "Ihr wird Amtsmissbrauch vorgeworfen. Sie habe zum Nachteil der Ukraine ein Abkommen über ... geschlossen."

    Kommt mir irgendwie bekannt vor. In deutschen Blättern liest man gelegentlich ähnliches, zumindest wenn mutige investigative Journalisten mit klarem Kopf am Werke sind.

  • Die aktuellen Top-Themen
Deutsche-Bank-Co-Chef: Jain zu Gast in der Welt der Grünen

Jain zu Gast in der Welt der Grünen

Kulturschock für den Co-Chef der Deutschen Bank: Bei einer Podiumsdiskussion der Grünen-Bundestagsfraktion wagt sich Anshu Jain zum Thema „Boring Banking“ ans Mikrofon. Zwei Welten prallen aufeinander.

Umstrittene Gasförderung: Merkel warnt vor Fracking-Chemikalien

Merkel warnt vor Fracking-Chemikalien

Die Bundeskanzlerin wird das Thema Fracking nicht los. Angela Merkel mahnt zur Vorsicht bei der neuen Gasfördermethode. Ein klares Nein gibt es von ihr aber weiterhin nicht zu hören.

Berggruen-Konferenz: Schäubles Spitze beim Treffen der guten Worte

Schäubles Spitze beim Treffen der guten Worte

Eine Konferenz des Berggruen-Instituts mit Ministern aus Deutschland und Frankreich will eigentlich Pläne schmieden, die Jobs für Jugendliche schaffen. Doch ausgerechnet den Bundesfinanzminister packt ein kleiner Teufel.

Handelsblog Ahnungslos beim Online-Shopping

Was wissen Sie eigentlich zum Thema Online-Shopping? Kennen Sie sich aus? Also, so richtig? Bestimmt haben Sie auch schon mal im Internet „Jetzt kaufen“ angeklickt. Doch das allein ist nichts Besonderes, denn diese Erfahrung teilen Sie mit... Von Katharina Schneider. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International