Kämpfer gegen Apartheid
Südafrika bangt um Nelson Mandela

Nelson Mandelas Gesundheitszustand ist schlecht. Der Kämpfer gegen die Apartheid und Wegbereiter der modernen Demokratie in Südafrika könnte bald sterben. Manche fürchten dann um Stabilität der noch jungen Demokratie.
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KapstadtSüdafrikas Präsident Jacob Zuma gilt nicht als ein begnadeter Redner wie sein Vorgänger Nelson Mandela. Aber Zuma spricht zum Entsetzen seiner Berater oft einfach aus, was er denkt. Angesichts der dritten Einlieferung Mandelas in ein Krankenhaus seit Dezember warnte er jetzt seine Landsleute vor „Panik“, die Leute sollten „ihre Ängste zügeln“.

Nun ist es in Südafrika derzeit völlig friedlich, es gibt nicht das geringste Anzeichen für Unruhe oder Aufruhr. Aber Zuma spricht aus, was in Südafrika viele denken. Groß ist die Furcht, dass der Tod Madibas, so der Clanname Mandelas, die fragile Stabilität der Demokratie, das relativ friedliche Auskommen zwischen den Bevölkerungsgruppen Südafrikas gefährden könnte. „Wenn Madiba stirbt, stirbt die Freiheit“ lautete vor einem Jahr die Überschrift einer „Times“-Kolumne.

„Nonsens“ schimpfte damals der renommierte Publizist Max du Preez. „Es wird kein dunkler Tag, und er wird nicht traumatisch werden“, schrieb er. Der Tod Mandelas werde die Südafrikaner aller Hautfarben neu einen und sie an seine Ideale von Menschlichkeit, Freiheit und Demokratie erinnern, meinte du Preez. Er sei angewidert von den Gerüchten in manchen weißen Kreisen, bei Mandelas Tod drohe eine „Nacht der langen Messer“. Tatsächlich verbreiten rechtsradikale Blogs die Furcht vor einem sogenannten „Uhuru“-Plan, demzufolge sich nach dem Tod Mandelas der Hass auf Weiße entladen wird.

Eine solche Schreckensvision scheint nach 19 Jahren gelebter Demokratie und relativ friedlichem Zusammenleben unvorstellbar. Aber auch sehr besonnene Politiker fürchten den Moment, wenn Mandela, der große Freiheitsheld und Versöhner, sterben sollte. „Das Land ist ein wenig nervös, es ist so, als ob eine Familie den Vater verliert“, beschrieb Bau-Minister Tokyo Sexwale in einem Fernsehinterview die Situation im Falle des Todes von Mandela.

Die Oppositionsführerin Südafrikas, Helen Zille, glaubt, dass Mandelas Tod das Land tief aufwühlen werde. Sie wisse natürlich nicht genau, was passieren werde, „aber sicher wird es die Mitglieder des ANC mobilisieren wie nichts zuvor“, sagte die Ministerpräsidentin der Provinz Westkap kürzlich.

Der ANC, der Afrikanische Nationalkongress, ist die 100 Jahre alte Freiheitsbewegung der Schwarzen und dominiert als Partei seit 1994 die Politik Südafrikas. Es ist auch Mandelas Partei, aber der ANC ist nicht nur nach Ansicht der Opposition inzwischen verantwortlich für die anhaltende Armut und hohe Kriminalität, für Korruption und Vetternwirtschaft. Der ANC „teilt nicht mehr die wundervollen Visionen Madibas“, sagt Zille.

Mandela, der seinen Landsleuten nach dem rassistischen Apartheid-Regime den Weg zur Versöhnung wies, wird in Südafrika von allen beansprucht, auch von der Demokratischen Allianz (DA) Zilles. „Mandela lebt im Herzen aller Südafrikaner“, betont sie.

Das allerdings bestreiten manche: Als die DA in Kapstadt kürzlich verkündete, 2013 zum „Jahr Nelson Mandelas“ machen zu wollen, hagelte es Proteste. „Heuchelei“ sei das, wetterten die Kommunisten von der SACP, dem ANC-Bündnispartner. Die DA, mit Abstand größte Oppositionspartei des Landes, habe ihre Wurzeln in den weißen Apartheid-Parteien und sei noch immer eine „rassistische Partei“, behauptete Parteisekretär Khaya Magaxa. Die DA dürfe den Freiheitskämpfer Mandela nicht für sich vereinnahmen.

Sein Zorn belegt, wie groß noch die politischen und rassischen Gegensätze in Südafrika sind, er zeigt, dass die Wunden des Apartheid-Systems keineswegs verheilt sind. Deshalb hat der greise, seit langem sehr kranke Mandela, der seit Jahren nicht mehr öffentlich auftritt, noch so eine überragende Bedeutung für das Land.

Der erste schwarze Präsident Südafrikas steht für die Vision einer friedlichen „Regenbogennation“, eines blühenden und freien Gemeinwesens, in dem die krassen sozialen Gegensätze abgebaut, das Elend von Millionen beseitigt wird. Wenn Mandela stirbt, wird den Südafrikanern besonders bewusstwerden, wie weit sie noch von der Verwirklichung seiner Ideale entfernt sind.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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