Kalifornien in der Krise
Arnold, der Entbehrliche

Auf der Cebit preist Gouverneur Arnold Schwarzenegger heute sein Kalifornien an. Doch der Schauspieler-Politiker und sein Schauspieler-Staat sind sich längst zum Verwechseln ähnlich: Ohnmächtig ertragen sie ihre große Krise, ohnmächtig muss der starke Mann mit ansehen, wie seine One-Man-Show sich dem Ende zuneigt.

SACRAMENTO. Als gelte es, vor dem schönen Trip nach Hannover, Germany, endgültig Abschied von der Heimat Kalifornien, USA, zu nehmen, meißelt der Gouverneur seinen Untertanen noch einmal mit breitem Lächeln ins Bewusstsein: "Was schlecht für die Politik ist, ist gut für die Leute!" So schlicht klingt seit sechs Jahren das Erfolgsrezept des Staatsschauspielers Arnold Schwarzenegger: Politik ist schlecht, die Menschen sind gut. Je schlechter die Politik, desto besser die Menschen. Liebt mich, please, please!

Kalifornisch-orangenfarbiger Teint, leicht rötlich getönte Haare, eine dicke Rolex am Arm und die perfekten Zähne gewinnend zwischen den Lippen: Er schaut aus wie immer, als er auf dem braunen Ledersessel in seinem Büro Platz nimmt, hinter sich als Statisten eine Gewerkschaftsabordnung aus Feuerwehrleuten und Schreinern mit Helmen und neongelben Sicherheitswesten. Der passionierte Harley-Davidson-Fahrer darf endlich wieder Gas geben. Nach monatelangem Tauziehen unterzeichnet Arnold Schwarzenegger mit geschwellter Gouverneurs-Brust feierlich den neuen Etat und spielt dabei sein größtes Talent aus: seinen fröhlich-charmanten Populismus.

Mit diesem Make-up im Schminkkoffer zog er 2003 aus dem glitzernden Hollywood aus, um das düstere Sacramento zu erobern, die politische Hauptstadt Kaliforniens. Als versierter Mime wusste er, wie sehr Kalifornien den schönen Schein liebt: "Das Mächtigste in der Politik ist, was die Leute von mir halten. Image ist alles, wichtiger als die Wirklichkeit." - Oh, felix California!

Sechs Jahre später speist sich Schwarzeneggers angestrengte PR aus schierer Not. Seit Monaten sinken seine Umfragewerte in die ungemütlichen Sphären eiskalter Ablehnung. Er fällt gar tiefer als Negativ-Rekordhalter George W. Bush. Die Kalifornier haben das Gauklertum satt: Dem reichsten Staat der USA geht es so mies wie nie zuvor. Glamour verschwindet unter Rost, die Politik gelähmt in Selbstblockade, der Staat des Silicon Valley kaum mehr kreditwürdig. Hämisch erinnern Zeitgenossen ihren "Gouvernator" an ein Epitaph aus "Terminator 3": "Ich bin ein Auslaufmodell."

Wie der Star, so sein Staat: Nächstes Jahr muss der Cohiba-Paffer sein Raucherzelt woanders aufbauen. Dann darf Schwarzenegger nach zwei Amtszeiten gehen. Kalifornien bleibt. Heute trifft der Auslaufgouverneur aus dem Sonnenstaat in Hannover ein. Auf der Cebit will Schwarzenegger für Kalifornien werben. Der Bundesstaat, dem Sozialprodukt nach die achtgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, ist Partnerland der größten Elektronikmesse der Welt. Das Produkt, das der Gouverneur anpreist, wirkt so wie er selbst, der Ex-Schauspieler: abgeschminkt.

Vorbei ist es mit der Träller-Idylle der ehemaligen Staatshymnen wie "California Dreamin?" oder "Fun, Fun, Fun" von Bands wie den Eagles und den Beach Boys. Beim Haushaltsdrama in Sacramento geht es zu wie in einem von Schwarzeneggers Schwert-und-Faust-Filmen: um alles oder nichts. Böse Erinnerungen begleiteten die Actionszenen: 2003 wurde "Arnies" Vorgänger, Gray Davis, von den Demokraten aus dem Amt gejagt, weil er das Budget um 36 Milliarden Dollar überzogen hatte.

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