Kalifornien
San Quentin: Das Gefängnis-Dilemma

Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger will San Quentin, das übelste Gefängnis der USA, renovieren. Dagegen wächst nun der Widerstand – wegen der Immobilienkrise.

SAN FRANCISCO. Den besten Blick hat man vom Baseball-Feld aus: Die atemberaubend schöne Bucht von San Francisco liegt zum Greifen nahe, Windsurfer und Segelboote gleiten pittoresk vorüber, Sonnenanbeter räkeln sich am nahen Strand. Gesäumt wird die Kulisse von den sanft geschwungenen Hügeln von Marin County, wo die Reichen wohnen. Die Filmfirma von „Star Wars“-Starregisseur George Lucas hat um die Ecke ihren Sitz. Eine Postkartenidylle. In ganz Kalifornien locken kaum schönere Orte.

Ein ideales Grundstück also für Luxusvillen oder einen modernen Fährhafen, in dem sich die Einwohner direkt nach San Francisco einschiffen können. Immobilienkrise hin, Wirtschaftsflaute her.

Nur wohnen hier schon 5300 Menschen. Auch durch die vielen martialischen Gitterstäbe in den Fenstern ihrer Zellen auf dem Seegrundstück haben viele von ihnen einen ungehinderten Blick auf die Bay Area. Besonders, wenn sie Baseball spielen dürfen.

Auf dem gut ein Quadratkilometer großen Luxusgrundstück mit 200 Gebäuden direkt am Wasser steht eines der berüchtigsten Gefängnisse der Welt: San Quentin. Es ist für die übelsten der üblen Schwerverbrecher erbaut worden, es weist den größten aller Todestrakte der USA auf, es ist der einzige Ort, an dem in Kalifornien Todesstrafen vollstreckt werden dürfen. Und für viele Insassen kam schon der Aufenthalt in San Quentin einem Todesurteil gleich – sie fielen den miserablen Haftbedingungen zum Opfer, gegen die sogar Richter immer wieder protestierten.

Nun will Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger eines der größten Menetekel des US-Strafvollzugs für Millionen renovieren – und stößt auf erbitterten Widerstand. Es geht um das Timing. In Zeiten, in denen in der Bucht um San Quentin und in ganz Kalifornien rechtschaffene Familien von Banken aus ihren überschuldeten Häusern gejagt werden, brave Mieter ihre Miete nicht mehr aufbringen können und die Zahl der Obdachlosen rapide ansteigt, sollen ausgerechnet die Todeszellen der berüchtigten Schwerverbrecher luxussaniert werden?

Republikanische Parteifreunde des Gouverneurs finden: no, Sir. Ihre Antwort: weg mit dem Gefängnis, das Grundstück meistbietend verkaufen und einen Ersatz bauen – am liebsten von Privatinvestoren.

Seit mehr als 40 Jahren empören die Zustände in San Quentin. Am 24. Februar 1969 gab Country-Sänger Johnny Cash dort ein Konzert für die Häftlinge. Aus Abscheu textete er spontan einen seiner Songs um: „San Quentin, ich hasse jeden Zentimeter von dir/ San Quentin, du bist meine Hölle/ San Quentin, du sollst in der Hölle verrotten und verbrennen!“

Vier Jahrzehnte später ist es so weit. Ab Mai soll der Todestrakt renoviert werden. Er hat es besonders nötig. In den Todeszellen San Quentins warten 680 Insassen auf die Giftspritze, manche seit über 20 Jahren. Fast monatlich werden neue hinzugesperrt. Der Todestrakt ist weit schlimmer überbelegt als San Quentin selbst, das mit einer Belegung von 170 Prozent bereits ein Skandal ist. Konsequenz: Die Zellen in San Quentin, die 1,82 Meter mal 2,74 Meter messen, werden von jeweils zwei Insassen belegt.

Ärzte, Politiker und Aufsichtsbehörden in Washington haben die Zustände wiederholt als „Todesurteil auf Raten“ gebrandmarkt. Sie brummten dem Staat Kalifornien per Gerichtsbeschluss auf zu renovieren. Ende 2005 kam eine Expertenuntersuchung zu dem Ergebnis, San Quentin sei „veraltet, antiquiert, verdreckt, überbelegt, schlecht geführt und medizinisch unangemessen“.

400 Millionen Dollar will Gouverneur Arnold Schwarzenegger nun in die Renovierung und die Erweiterung des Todestrakts für dann 1400 Zellen stecken, 1,2 Milliarden Dollar für Folgekosten sollen in den nächsten 20 Jahren hinzukommen.

Seite 1:

San Quentin: Das Gefängnis-Dilemma

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%