Kalkuttas Image ist schlechter als die Realität: Comeback eines Molochs

Kalkuttas Image ist schlechter als die Realität
Comeback eines Molochs

Der Indien-Boom hat jetzt auch Kalkutta, einst Stadt „schrecklicher Dunkelheit und unaussprechlicher Armut“, erfasst. Die Globalisierung haucht der gebeutelten Stadt neues Leben ein: So hat die Outsourcing-Welle Kalkutta bereits 36 000 IT-Arbeitsplätze beschert.

KALKUTTA. In Kalkuttas Elendsvierteln wurde Mutter Teresa einst zur „Heiligen der Gosse“. Der britische Autor Rudyard Kipling nannte die Stadt einen Hort „schrecklicher Dunkelheit und unaussprechlicher Armut“. Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul tat sie als „deprimierendste aller Städte“ ab. Die schlimmste Schmähung indes blieb Günter Grass vorbehalten. Er verhöhnte den Moloch mit seinen 15 Millionen Einwohnern als „Haufen Scheiße, wie ihn Gott fallen ließ“.

Nun aber haucht die Globalisierung der gebeutelten Stadt neues Leben ein. Im Zentrum verschimmeln zwar noch sozialistische Plattenbauten, und überall verrotten einst grandiose Kolonialpaläste, aus deren zersplitterten Fassaden Unkraut sprießt. Doch um die Stadt herum wächst ein Speckgürtel moderner Trabanten heran, die statt morbiden Charmes Aufbruchstimmung verbreiten. Im Softwarepark Salt Lake schachten Bagger die letzten freien Grundstücke aus, und dicht an dicht schießen neue Glasfassaden in den Himmel. In einem blauen Kubus sitzen Tausende IBM-Mitarbeiter in der Nachbarschaft futuristischer Gebäude, die Firmen wie Alsthom, Pricewaterhouse-Coopers (PWC), AIG oder HSBC beherbergen. Accenture und Cap Gemini ziehen gerade neu hierher, und alleine Infosys investiert 111 Millionen Dollar in einen Campus für 10 000 Entwickler.

Die Outsourcing-Welle hat Kalkutta bereits 36 000 hoch bezahlte IT-Arbeitsplätze beschert, und die Branche wächst dort mit 70 Prozent jährlich doppelt so schnell wie im Landesdurchschnitt. 13 neue Technologieparks sind im Bau oder in Planung. In Satellitenstädten wie Rajahat oder New Town trotten Wanderarbeiter durch halb fertige Betonschluchten und suchen ihren Platz in der neuen, kapitalistischen Glitzerwelt. Barfuß, nur mit wenigen Fetzen am Leib und ihren Besitz in einem Jutesack auf der Schulter, bestaunen sie die Rohbauten immer neuer Shopping-Malls und Apartmentblocks, die Namen tragen wie „Diamond City“ und eine verheißungsvolle Zukunft versprechen.

„Wer noch an Indiens Transformation zweifelt, muss nach Kalkutta kommen“, sagt K. V. Kamath, Chef von ICICI, Indiens größer Privatbank. Kalkuttas Comeback zeigt, dass der Wirtschaftsboom des Landes nicht auf wenige Zentren wie Bangalore, Bombay, Delhi oder Hy-derabad beschränkt bleibt, sondern jetzt auch den lange abgeschriebenen Osten erfasst. Ratan Tata, als Chef der Tata-Gruppe Herr über das größte Firmenkonglomerat des Landes, lobt West-Bengalen als „einen der wirtschaftsfreundlichsten Standorte des Landes“.

Das war lange anders. Indiens Kommunisten regieren den Bundesstaat seit 1977 und haben viele Unternehmen vertrieben. „Aber nun haben sie erkannt, dass die Idiotie der letzten 30 Jahre schnurstracks in den Abgrund führt“, meint Sharad Subramanyan, Inhaber der Outsourcing-Firma Last Peak.

Als Weltbank-Manager hat er in den 90er-Jahren Rumänien beim Übergang zur Marktwirtschaft beraten. Nun fährt er wieder durch Straßen mit Namen wie „Lenin-Allee“, in denen Hammer und Sichel allgegenwärtig sind. Seine Angestellten bearbeiten für US-Krankenhäuser Versicherungsforderungen und analysieren für deren Ärzte Röntgenaufnahmen. Die Firma verdoppelt ihren Umsatz derzeit alle zwei Monate und will die Zahl von 400 Angestellten am Hauptsitz Kalkutta allein in diesem Jahr verfünffachen.

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