Kampf gegen den Alkohol
Ankara ruft die letzte Runde aus

Die Türkei schränkt Alkoholverkauf und Ausschank strikt ein. Die Opposition fürchtet, dass der türkische Premier Tayyip Erdogan damit die Islamisierung vorantreiben will. Winzer und Tourismusbranche sind alarmiert.

Das türkische Nationalgetränk? Da könnte einem Raki einfallen, der aus Weintrauben oder Rosinen gebrannte Anisschnaps. Nein, sagt Ministerpräsident Tayyip Erdogan. Das türkische Nationalgetränk sei Ayran, ein mit Wasser verlängertes und schaumig geschlagenes Joghurt. Vor allem auf dem Land bekommt man zur Begrüßung ein Glas Ayran gereicht, wenn man als Gast ein Haus betritt.

Doch leider, so der fromme Premier, seien alkoholische Getränke wie Bier, Wein und Raki auf dem Vormarsch. Dem will der Abstinenzler Erdogan jetzt Einhalt gebieten. Am vergangenen Freitag billigte das türkische Parlament mit den Stimmen der regierenden islamischen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) ein Gesetz, das den Verkauf und Ausschank alkoholischer Getränke in der Türkei strikt reglementiert.

Oppositionspolitiker sehen in den Beschränkungen ein weiteres Indiz für Erdogans „geheime Agenda“, die angeblich geplante Islamisierung von Staat und Gesellschaft. Bierbrauer und Schnapsbrenner sind alarmiert, auch die Tourismusbranche fürchtet um ihr Geschäft.

Nach den Bestimmungen des Gesetzes ist der Verkauf alkoholischer Getränke künftig zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr früh verboten. Einzelhändler müssen alkoholische Getränke so verstecken, dass sie beim Blick in den Laden nicht sichtbar sind. Im Umkreis von 100 Metern um Moscheen, Kindergärten, Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen werden keine Alkohol-Konzessionen mehr vergeben. Weil es in den türkischen Städten sehr viele Moscheen gibt, kommt das einem flächendeckenden Verbot gleich.

Die Werbung für alkoholische Getränke wird komplett untersagt, bis hin zum Bierdeckel oder Sonnenschirm. Die Hersteller dürfen auch nicht mehr als Sponsoren bei Veranstaltungen auftreten. Im Fernsehen, in Filmen und in Musikvideos dürfen in Zukunft keine alkoholischen Getränke mehr zu sehen sein. Wenn etwa Clint Eastwood in einem alten Western zur Whiskyflasche greift, muss sie gepixelt werden.

Wer künftig eine Konzession für den Ausschank oder Verkauf alkoholischer Getränke haben möchte, braucht dafür nicht nur die Lizenz der staatlichen Alkohol-Regulierungsbehörde TAPDK sondern auch Genehmigungen des Ministeriums für Tourismus und Kultur sowie eine Erlaubnis der Kommunalverwaltung, die ihrerseits das Einverständnis der Polizeibehörden einholen muss – klingt kompliziert und soll es wohl auch sein.

Die Regierung verteidigt die Restriktionen mit dem Schutz der Jugend. Man wolle „keine beschwipste Jugend, die Tag und Nacht trinkt“, sagt Erdogan, sondern eine „religiöse Jugend“. Der Alkohol, so wetterte Erdogan diese Woche in einer Fraktionssitzung, sei „die Mutter alles Bösen“. Für den strenggläubigen Premier, Absolvent eines islamischen Priestergymnasiums, ist der Kampf eine Herzens- und Glaubenssache. Schon als Istanbuler Oberbürgermeister untersagte er in den 1990er Jahren den Ausschank von Alkohol in allen städtischen Restaurants und Kantinen. Seit seinem Amtsantritt als Regierungschef vor zehn Jahren wurden die Alkoholsteuern massiv erhöht. Der Preis für eine Flasche Raki hat sich dadurch mehr als verdreifacht.

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