Kampf gegen die Taliban
US-General warnt vor Desaster in Afghanistan

Ohne zusätzliche Soldaten droht den internationalen Truppen in Afghanistan nach Einschätzung ihres Oberkommandierenden Stanley McChrystal eine Niederlage. Der US-General fordert einen radikalen Kurswechsel – und heizt gleichzeitig die Debatte über Sinn oder Unsinn des Afghanistan-Einsatzes noch einmal an.

WASHINGTON. Die Schutztruppe Isaf und das US-Militär müssten in absehbarer Zeit die Initiative zurückzugewinnen und die Dynamik des Aufstands der radikal-islamischen Taliban brechen. Andernfalls werde ein Sieg möglicherweise nicht mehr erreichbar sein, warnt US-General Stanley McChrystal in einer am Montag bekanntgewordenen Lageeinschätzung.

Mit seiner Mahnung heizt der Kommandeur die Debatte über Sinn oder Unsinn des von den USA geführten internationalen Afghanistan-Einsatzes an. Angesichts steigender Opferzahlen unter den Isaf-Soldaten werden in vielen Ländern Forderungen laut, die Truppen abzuziehen. In Italien nahmen am Montag bei einem Staatsbegräbnis tausende Menschen Abschied von sechs bei einem Selbstmordanschlag getöteten italienischen Soldaten. In Deutschland, das rund 4 200 Soldaten an den Hindukusch entsandt hat, ist die Forderung nach einer Exit-Strategie für den Einsatz Wahlkampfthema.

Nach Einschätzung von US-General McChrystal ist ein „revolutionärer“ Strategiewechsel nötig – weg von der Tötung Aufständischer und hin zum Kampf um eine größere Unterstützung der Bevölkerung. Die „Washington Post“ veröffentlichte auf ihrer Internetseite eine Version des 66-seitigen Geheimpapiers, bei der einige Passagen aus Sicherheitsgründen entfernt waren. Ein Sprecher McChrystals bestätigte die Echtheit des Dokuments.

Trotz gewisser Fortschritte verschlechtere sich die Gesamtlage im Land, stellt der US- und Nato-Befehlshaber in Afghanistan darin fest. Derzeit kontrollierten die Taliban ganze Landesteile. Wegen verbreiteter Korruption und Machtmissbrauch sei es der Regierung in Kabul nicht gelungen, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Um die Afghanen als Verbündete im Kampf gegen die Islamisten zu gewinnen, sei ein völlig anderer Ansatz als bisher nötig: „Das Ziel ist der Volkswille. Unsere konventionelle Kultur der Kriegführung ist Teil des Problems; letztlich müssen die Afghanen den Aufstand besiegen.“ Zuletzt hatte es vor allem Kritik an Luftangriffen mit zahlreichen zivilen Opfern gegeben. So waren Anfang September bei einem von einem deutschen Oberst angeforderten Bombardement 99 Menschen gestorben, darunter 30 Zivilisten.

McChrystal fordert auch mehr militärisches und ziviles Personal, ohne aber eine konkrete Zahl zu nennen: „Unzureichende Ausstattung wird wahrscheinlich zum Scheitern führen. Ohne eine neue Strategie sollten die Truppen aber nicht aufgestockt werden. Ähnlich hatte sich am Sonntag US-Präsident Barack Obama geäußert. Im Kongress gibt es Widerstand aus Obamas Demokratischer Partei gegen eine Truppenaufstockung für den Afghanistan-Krieg, der inzwischen nur noch von einer Minderheit der US-Bevölkerung unterstützt wird. Von den oppositionellen Republikanern kommt dagegen die Forderung, zügig über zusätzliche Truppen zu entscheiden, um die bereits in Afghanistan kämpfenden Soldaten keiner unnötigen Gefahr auszusetzen.

McChrystal hat bereits eine Liste für den künftigen Truppenbedarf erstellt, die einigen Regierungsvertretern zufolge rund 30 000 zusätzliche Kampftruppen und Ausbilder umfasst. Die USA haben ihre Truppen am Hindukusch in diesem Jahr bereits von 32 000 auf 62 000 Soldaten fast verdoppelt. Insgesamt sind dort rund 100 000 ausländische Soldaten im Einsatz. Reuters/fsp

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