Kampf gegen Steuerhinterzieher
Mario Montis Miracolo

Die Regierung von Mario Monti versucht, mit Kampagnen ein Umdenken in der Bevölkerung auszulösen. Auch für den Cappuccino gibt es jetzt plötzlich einen Kassenbon. Ein Erfahrungsbericht aus Mailand.
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MailandEs ist ein historischer Moment: Ich stehe am Tresen des Haushaltswarenladens bei mir um die Ecke und der Familienpatriarch an der Kasse rückt mit einem kleinen weißen Zettelchen heraus, auf dem der Name des Ladens, die Steuernummer und der Betrag steht, den ich soeben dort gelassen habe: 4,90 Euro. Ein echter Kassenbon.

Aus deutscher Sicht mag das normal erscheinen, aber in Italien ist das ein kleines Wunder. In dem Haushaltswarenladen habe ich es in den sieben Jahren, die ich hier wohne, noch nie erlebt, dass der Mann an der Kasse einen Bon ausdruckt. Ich habe mich schon gefragt, ob das Geschäft bei der Steuerbehörde überhaupt gemeldet ist.

Auch in der Bar in meiner Straße bekomme ich neuerdings einen Kassenbon zum Cappuccino, und sogar auf dem Markt passiert es, dass ich das kleine weiße Zettelchen unter den Zucchini in der Tüte finde.

Was passiert in Italien? Ich erkenne meine Wahlheimat kaum wieder. Die Schattenwirtschaft wird hier je nach Studie auf ein Fünftel bis hin zu einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts beziffert. Die Regierung schätzt die entgangenen Steuern auf mehr als 100 Milliarden Euro. Schafft Mario Monti das Unmögliche, das Miracolo, und macht aus den Italienern ehrliche Steuerzahler?

Bekämpfung der Steuerhinterziehung, Liberalisierungen in Berufsgruppen wie Apotheker, Notare und Taxifahrer, verbraucherfreundlichere Praktiken für Banken und Versicherungen, Infrastrukturprojekte: Monti packt in wenigen Monaten so viel an, wie es sich der „Macher“ Silvio Berlusconi in zehn Jahren nicht getraut hatte. Ein Land löst sich aus seiner Erstarrung.

Vielleicht zeigen auch bald die Werbespots Wirkung, mit denen die Regierung Steuerhinterzieher im Fernsehen brandmarkt. Nach einer Dia-Show verschiedener Schmarotzer – vom Parasiten der Wiederkäuer (Dicrocoelium dendriticum) über den Fisch-Parasiten (Argulus Foliaceus) bis zum Magen-Parasiten (Giadia lamblia) - wird dort zum Schluss der Parasit der Gesellschaft (Steuerhinterzieher) vorgestellt. Es folgt die Mahnung: „Wer auf Kosten der anderen lebt, schadet allen. Die Steuerhinterziehung zu bekämpfen ist Dein Interesse. Frage immer nach Kassenbon oder Quittung!“

Kommentare zu " Kampf gegen Steuerhinterzieher: Mario Montis Miracolo"

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  • Ja, ich freu mich auch schon, wenn diese gehirngewaschenen Deutschen in 10- 20 Jahren die Rechnung praesentiert bekommen und aus allen Wolken fallen. An Naivitaet und poltical correctness und im NICHT-Vertreten eigener Interessen grossartig, ja noch nicht einmal im Erkennen eigener Interessen. Tja, in wenigen Jahren hat der Sueden die EZB uebernommen, in Bruessel ist die Pfeife oettinger der ranghoechste deutsche Vertreter, und im IWF oder WB schon mal gar nichts. Solch positiven Artikel wie "Jetzt achen es die Italiener aber richtig" hab ich schon kurz nach der Unterzeichnung des Maastricht-Vertrages gelesen! Und vor 2 Jahren nach der ersten Hilfe fuer Griechenland ueber Griechenland. Bin mehr als froh, dass ich mich aus Doofieland ("niemand profitiert so sehr vom EUR wie wir", "bloss keine Steuersenkung, lieber noch mehr fuer den Staat") schon vor 10 Jahren verabschiedet habe

  • Was Monti macht ist der Wahnsinn und ich muss gestehen-ich habe es nicht für möglich gehalten.Italien und Deutschland sind viel ähnlicher in der Wirtschaftsstruktur als Deutschland und Frankreich.Die Italiener(private Haushalte) sind zusammen mit uns Deutschen die größten Sparfüchse in der Union.Italien zieht ständig ihre eigene DDR(fängt südlich von Rom)hinter sich.Der Norden ist zusammen mit Süddeutschland und der Alpen Cluster, die reichste Region der EU.Die Arbeitsmarkt ist genauso gespalten wie in D-der Norden mit 4-5% Arbeitslosigkeit und der Süden mit 10-15% oder sogar mehr.Wie in D wird in Italien 70-80% des BIPs in den Mittelstand erwirtschaftet-nicht wie in Frankreich mit den gigantischen teilstaatlichen Konzerne.Die Banca d'Italia sitzt auf einen Goldberg der fast so groß wie der, der Bundesbank.Trotzdem gibt es natürlich Untershiede in der Menatiltät und wenn Monti auch die öffentlichen Kassen in Italien saniert wie die Italiener selbst ihre eigene Schulden,dann wird man in Italien in 5-8 Jahre sehr gutes Geld und Geschäfte machen können.Spainien hat andere Probleme-bis 2009 hat Madrid die 3% nie gerissen und mit 65% Verschuldung sind sie relativ ok,die privaten Haushalte sind aber genauso dran wie die Amerikaner.Irland hat sich entschieden ALLE seiner Banken zu retten und musste am Ende selbst gerettet werden.Portugal braucht ein neues Wirtschaftsmodel und Griechenland braucht alles was die anderen einzeln brauchen und eine neue Gesellschaftsordnung oben drauf.

  • Doch mal eine positive Entwicklung. Griechenland, halt dich ran und zeig uns allen deine Möglichkeiten auf.

    D.h nicht, dass in Deutschland selbst bei der Unternehmensüberpruefung nicht paar Steuerfahnder ihr Auskommen finden koennten, wenn man nur parteipoltisch wollte... Aber die wollen ja nicht...

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