Kampf gegen Taliban
Pakistans letztes Gefecht

Lange hat Pakistans Regierung die Taliban gewähren lassen. Nun schickt sie ihnen das Militär, die Islamisten rächen sich mit Attentaten. Es geht um alles: die Macht im Land.

ISLAMABAD. Nachdem die Mörsergranate ihr den Mann genommen hatte, den ältesten Sohn, das Haus, nachdem alles, was ihr kostbar gewesen war, unter einem Haufen verkohlter Trümmer gelegen hatte, schnürte Jamila Zaman ein Bündel aus Decken. Sie nahm die zwei überlebenden Buben und die beiden Mädchen bei der Hand und machte sich auf den Weg, den vor ihr fast alle im Dorf schon gegangen waren. Die Schotterpiste runter ins Tal, über die Brücke, die bis vor wenigen Tagen die Taliban kontrolliert hatten, den Armeekonvois entgegen, die aus der Ebene des Punjab Panzer und Soldaten an die Front im Norden bringen.

Bis in die Hauptstadt Islamabad haben sich Jamila und die Kinder durchgeschlagen, 150 Kilometer Fußweg von Wetkey, ihrem Dorf. Sie haben die Gegend hinter sich gelassen, die ihrer Schönheit wegen "die Schweiz Pakistans" genannt wurde: das Swat-Tal. Sie schliefen viele Tage auf der Straße, bis ihnen ein Mann einen winzigen kahlen Raum in einem Hinterhof als Unterschlupf anbot, ohne Wasser, ohne Klo, aber sie haben eine Zuflucht. Jamila hat das Gesicht mit einem schwarzen Tuch verhüllt, nur ihre müden Augen sind zu sehen. Sie wisse nicht, wer die tödliche Granate abgefeuert habe, die Taliban oder die Armee. Es sei auch nicht mehr wichtig. "Dieser Krieg hat mein Leben zerstört."

Jahrelang haben die Regierung und das Militär in Pakistan die Gefahr des Terrorismus heruntergespielt. Jetzt erlebt ein Volk von 162 Millionen die Folgen. Die Taliban wollen die Macht im Land, Brutalität ist ihr Mittel. Das bekommen auch die wohlhabenden städtischen Eliten zu spüren, die sich bisher in sicherer Entfernung zu den Extremisten-Hochburgen an der afghanischen Grenze wähnten. Die Regierung hat ihren Kurs geändert, sie lässt die Taliban nicht mehr gewähren. Sie hat das Militär in den Nordwesten des Landes geschickt, um die Fundamentalisten aus ihren Rückzugsgebieten zu vertreiben. Die Taliban rächen sich, indem sie Selbstmordattentäter auf Märkte und Busbahnhöfe schicken, vor Moscheen und Polizeistationen. Erst am Wochenende ging auf einem Markt in Dera Ismail Khan wieder eine Bombe hoch, die 38 Menschen verletzte und neun tötete.

Es ist das letzte Gefecht, es geht jetzt um die Macht im Land. Und Präsident Asif Ali Zardari versucht, sein Volk darauf vorzubereiten, dass es noch schlimmer wird. "Der Krieg gegen den Extremismus ist ein totaler Krieg, ein Kampf ums Überleben." Bisher taten der Westen und viele Pakistaner solche Sätze als das wie üblich folgenlose Gehabe einer diskreditierten Regierung ab. Doch nach sieben Wochen Kämpfen im Swat-Tal, nach angeblich 1400 getöteten Extremisten, womöglich ebenso vielen im Kreuzfeuer umgekommenen Zivilisten und mehr als zweieinhalb Millionen Kriegsflüchtlingen ist klar: Der Präsident meint es ernst.

"Der Einsatz ist zu hoch geraten, als dass Zardari und das Militär noch einen Rückzieher machen könnten", sagt Muhammad Iqbal Tabish, Generalsekretär der südasiatischen Industrie- und Handelskammer. "Diesmal müssen sie gewinnen." Oder Pakistan ist sturmreif für die bärtigen Männer mit den Kalaschnikows. Dann wäre jede Friedensbemühung im benachbarten Afghanistan beendet. Die gesamte Antiterrorstrategie des Westens läge in Trümmern.

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