Kampf um Energiereserven
Der lange Marsch nach Moskau

Russland und China entwickeln eine strategische Partnerschaft bei Öl und Gas. Die EU droht dadurch ins Hintertreffen zu geraten. Sie will sich die Vorkommen in Zentralasien sichern – und riskiert so einen scharfen Konflikt mit dem Kreml.

BERLIN / MOSKAU. Die Herrn sind der Charme in Person: "Mein lieber Gast und Freund", "mein großer Freund" - bei ihrem Treffen im Moskauer Kreml überbieten sich Wladimir Putin und Chinas Staatschef Hu Jintao mit Höflichkeiten. Sechsmal haben sich die beiden im vergangenen Jahr getroffen. Die Gespräche hätten wieder einmal die strategische Natur der russisch-chinesischen Partnerschaft gezeigt, unterstrich Putin. Demonstrativ ließen die beiden Wirtschaftsabkommen in Höhe von mehr als vier Milliarden Dollar unterschreiben. China ist heute nach der EU der zweitwichtigste Handelspartner Russlands. Dabei geht es dem Reich der Mitte aber vor allem um eines: Energie.

Russland, nach Saudi-Arabien der größte Ölproduzent der Welt, möchte den asiatischen Energiemarkt erobern - auch als Rückversicherung im Falle einer Krise im Verhältnis zu Europa. Denn obwohl EU-Handelskommissar Peter Mandelson auch am gestrigen Dienstag wieder in Moskau beteuerte, mit Russland in Sachen Energie "einen großen Handel" abschließen zu wollen, wachsen in Moskau Sorgen: dass sich die EU von den russischen Lieferungen mittelfristig lösen will. Zusätzlich lockt nicht nur China als Absatzmarkt, sondern dürsten auch Japan, Südkorea und Indien nach russischen Rohstoffen. Alle streben nach Unabhängigkeit vom Nahen Osten.

Damit wiederum trumpft Moskau gegenüber der EU auf: "Europa glaubt, wir würden unser Erdgas immer nach Europa liefern. Aber das ist ein Fehler", drohte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Duma, Konstantin Kossatschow, am Rande seines gestrigen Berlin-Besuchs. "Wenn Europa eine Diversifizierung seiner Erdgas-Lieferanten anstrebt, werden wir unsere Abnehmer diversifizieren", sagte Kossatschow dem Handelsblatt. Die Alternative liefert er gleich mit: China. So gebe es "den Plan einer Gaspipeline von Westsibirien, wo bisher Erdgas für Europa gefördert wird, über das Altai-Gebirge nach China" (siehe Grafik auf Seite zwei). Die Ölleitung aus Sibirien zum Pazifik ist bereits in Bau. Zudem verhandelt der Staatskonzern Rosneft mit China, zusätzlich 60 000 Barrel (1 Barrel = 159 Liter) Öl am Tag per Eisenbahn über die Grenze zu schicken. "Man kann deutlich erkennen, dass die klare Ausrichtung Russlands auf den Westen Vergangenheit ist", sagt auch Peter Lengyel von der Beratungsgesellschaft PVM Oil Associates. Insgesamt beliefen sich die russischen Öllieferungen nach China im vergangenen Jahr auf 320 000 Barrel pro Tag.

Gemessen am täglichen chinesischen Bedarf von rund vier Mill. Barrel Öl ist dies zwar wenig. Doch die Partner haben ehrgeizige Pläne: Würden diese verwirklicht, dann wäre Russland in der nächsten Dekade Chinas größter Lieferant mit rund 600 000 Barrel Öl pro Tag. Heute bezieht China nur rund 15 Prozent seiner Energieimporte von seinem Nachbarn. Das Gros stammt aus Nahost.

Trotz der Pipeline- und Exportpläne: Hinter der freundlichen Fassade knirscht es zwischen Russen und Chinesen. China sei "zunehmend irritiert", sagt Christopher Weafer, Chefstratege der Alfa Bank. Denn bei vielen vereinbarten Projekten gehe es nur schleppend voran. So hatte Rosneft im vergangenen Jahr seine Mühe, die vereinbarten Öl-Liefermengen auf die Schiene zu setzen. Dabei hatte sich der staatliche chinesische Ölkonzern CNPC mit rund 500 Mill. Dollar am Börsengang des vom Kreml kontrollierten Ölförderers beteiligt.

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