Kampf um Jugendliche
In Österreich wählen schon die 16-Jährigen

Außer in Österreich dürfen in keinem Land Europas Jugendliche bereits mit 16 Jahren wählen gehen. Entsprechend heftig ist der Kampf um die neue Zielgruppe – mit teils kuriosen Ideen.
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WienKomplett zufrieden ist der 16-jährige David aus Münchendorf bei Wien mit keinem Programm österreichischer Parteien. Trotzdem weiß der Schüler bereits, wem er bei der österreichischen Parlamentswahl an diesem Sonntag seine Stimme gibt. „Ich habe schon länger eine Tendenz gehabt und jetzt bin ich mir ziemlich sicher“, sagt der Schüler.

David ist einer von 348.000 Jugendlichen, die am Sonntag zum ersten Mal in ihrem Leben ihr Kreuz machen dürfen. Seit 2007 dürfen Österreicher bereits ab 16 wählen, damit ist die Alpenrepublik einzigartig in Europa. Profitiert haben bisher davon vor allem die Rechten.

Desinteresse kann man den Newcomern nicht vorwerfen. Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts SORA waren zwei Drittel aller 16- bis 18-Jährigen sehr oder ziemlich interessiert am österreichischen Wahlkampf 2008. „Politikverdrossenheit ist bei Jugendlichen nicht stärker als bei Erwachsenen ausgeprägt und bezieht sich nicht auf die Politik an sich, sondern eher auf die Parteien“, sagt Christina Unterberger, Geschäftsführerin der überparteilichen Bundesjugendvertretung. Auch bei der Wahlbeteiligung gebe es kaum Unterschiede zu den Erwachsenen.

Obwohl die Erstwähler nur fünf Prozent ausmachen, buhlen einige Parteien mit extra Aktionen um die Teenager – die manchmal ihren eigenen Jugendorganisationen zu albern sind. Das nach der Grünen-Parteichefin Eva Glawischnig (44) benannte Gratis-Mädchenmagazin „Eva“ testete Fairtrade-Kondome und gab eine Anleitung für Do-it-yourself-Party-Fingernägel. „Grünes Jugendmagazin ist einfach nur peinlich“, twitterte der Sprecher der Jungen Grünen Cengiz Kulac.

Die mitregierende christdemokratische ÖVP setzte dagegen auf Körperfülle: Im ganzen Land wurden Teenies gewogen, um das „Gewicht der Jugend“ im nächsten Regierungsprogramm wiederzufinden. Bei der rechten FPÖ ist Jugendlichkeit gleich Gesamtprogramm: Parteichef Heinz-Christian Strache (44) gibt sich stets betont hip und hat mit über 150 000 Fans auf Facebook die meisten Anhänger im Vergleich zu seinen Konkurrenten. Vor der Wahl produzierte er seinen fünften „HC-Rap“, in dem er singt: „Steht auf, wenn ihr für HC seid. Steht auf für eine neue Zeit.“ Präsentiert hat er seinen Song in einem Wiener Club.

Bei der vergangenen Parlamentswahl hatte die rechtspopulistische FPÖ die Nase vorn bei den Jungen. Nach aktuellen Umfragen könnte sie aber diesmal von den Grünen abgelöst werden, die stark in Schulen und Universitäten warben.

Experten sehen bei der politischen Bildung deutlichen Nachholbedarf, Unterberger fordert ein eigenes Schulfach. Dem kann auch David viel abgewinnen: „Als wir Anfang des Jahres begannen, uns in der Schule mit Politik zu beschäftigen, musste unsere Lehrerin feststellen, dass viele nicht mal wussten, wer die Spitzenkandidaten waren.“

Von den Angeboten der Parteien fühlt sich der junge Österreicher kaum angesprochen, auch seien es nicht genug: „Nur wenige versuchen wirklich, auf uns einzugehen.“ Er selbst hat sich neben der Schule auch im Internet, im Fernsehen und in Gesprächen informiert. Am Tag ist er als freiwilliger Wahlhelfer dabei. Egal für wen man stimmt, David fordert alle auf, zur Wahl zu gehen: „Das ist ein demokratisches Grundrecht, das nicht selbstverständlich ist. Unsere Politik geht uns alle etwas an.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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