Kanada und die Finanzkrise
Kanada koppelt sich vom großen Bruder ab

Bisher ist die stark exportorientierte kanadische Wirtschaft noch nicht in den Abwärtssog des Nachbarn USA geraten. Sogar die Preise auf dem Immobilienmarkt bleiben unerwartet stabil. Grund ist die Kauflust der Kanadier.

OTTAWA. Linda McCallum ist in diesen Wochen sehr beschäftigt. Für die Grundstücksmaklerin von Faulkner Real Estate in der kanadischen Hauptstadt Ottawa sind die ruhigen Winterwochen vorbei. In den langsam schmelzenden Schneehaufen in den Wohngegenden stecken die Schilder „For Sale“. Doch anders als in den USA handelt es sich nicht um Notverkäufe von Hausbesitzern, die die Hypotheken nicht mehr abzahlen können. „Wir haben einen gesunden Markt. Von Kreditkrise ist hier nichts zu merken“, sagt McCallum.

Wer heute sein Haus anbiete, könne in Ottawa Preise erzielen, die im Schnitt 50 Prozent über dem Niveau von vor sieben Jahren liegen. Die Maklerin erwartet, dass sich an der positiven Bewertung des Marktes in diesem und im nächsten Jahr nichts ändern wird: „Wir haben Vertrauen, und die Käufer haben Vertrauen.“

Angesichts der engen Verflechtungen mit den USA müsste Kanada eigentlich stärker in den Strudel der Subprime-Krise hineingezogen werden. Die Exportwirtschaft leidet bereits unter der Flaute in den USA und dem Verfall des US-Dollars, und die Erwartung, dass sich die Konjunktur spürbar abschwächen wird, steigt. Aber die Kanadier sind überzeugt, dass ihre Wirtschaft – anders als in den Krisen vergangener Jahrzehnte – genug Eigendynamik hat, um die Probleme besser zu meistern als die USA.

Analysten wundern sich allerdings, dass Kanada sich in seiner wirtschaftlichen Entwicklung bisher so stark von den USA abkoppeln konnte und die Turbulenzen beim südlichen Nachbarn bisher nicht mit voller Wucht auf die heimische Wirtschaft durchschlagen: „Das ist für uns alle etwas überraschend“, sagt Doug Porter, Vize-Chefökonom von BMO Capital Markets in Toronto. Ein Grund ist sicher, dass der die Konjunktur stützende Rohstoffboom zunehmend durch die Nachfrage aus China und anderen Schwellenländern getragen wird.

Zudem gibt es trotz der engen Verflechtung beider Volkswirtschaften im Immobilien- und im Finanzsystem, das im Zentrum der Krise in den USA steht, erhebliche Unterschiede: „Der US-Bauboom setzte früher ein als unser Boom“, erläutert Beata Caranci, Leiterin der Abteilung Economic Forecast der Toronto Dominion Bank. „Wir haben fünf oder sechs Banken, die den Markt dominieren, während in den USA Tausende Banken im Wettbewerb um Kunden stehen.“ In den USA habe dies dazu geführt, dass insgesamt 15 Prozent der Hypotheken „subprime“ seien, in Kanada mit den strengeren Kreditkriterien dagegen gerade einmal drei Prozent. In Kanada aber habe es bei der Kreditvergabe Anzeichen für eine ähnliche Entwicklung wie im Nachbarland gegeben. „In drei oder vier Jahren wären wir vielleicht in der gleichen Situation gewesen. Die Subprime-Krise in den USA war für uns das Stoppsignal“, meint Caranci.

Seite 1:

Kanada koppelt sich vom großen Bruder ab

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%