Kanzler erwartet „enormen“ Aufschwung
Firmen wünschen sich schnellen EU-Beitritt

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat die Entscheidung, mit der Türkei Verhandlungen über einen EU-Beitritt aufzunehmen, begrüßt. Dies werde vor allem Deutschland als wichtigstem Handelspartner der Türkei zu Gute kommen. „Ich erwarte einen ökonomisch wirklich enormen Aufschwung“, sagte der Kanzler.

jojo/fas/gil ISTANBUL/DÜSSELDORF. Während die Politik für einen möglichen EU-Beitritt mit einem einer Zehn-Jahres-Frist kalkuliert, drängt die Wirtschaft zur Eile. Vom Handelsblatt befragte deutsche und türkische Firmen sprechen sich dafür aus, dem Land den Weg möglichst bald frei zu machen. „Die Türkei wächst stärker als Europa und wir brauchen stark wachsende Mitglieder“, sagt Jürgen Großmann, Geschäftsführender Gesellschafter des Stahlkonzerns Georgsmarienhütte. Die meisten Unternehmer versprechen sich durch einen EU-Beitritt kurzfristig aber keine besseren Geschäfte. Sie setzen vor allem darauf, dass sich durch den Druck der EU die Rahmenbedingungen für Firmen in der Türkei langfristig verbessern.

„Wirtschaftlich sind wir schon gut eingebunden, doch jetzt wollen wir auch politisch dazu gehören“, sagt Süleyman Orakcioglu, Chef des einflussreichen Istanbuler Textilverbands ITKIB und Gründer des Modefilialisten Orka Group. Innenpolitische Reformen würden jetzt wesentlich zügiger in Angriff genommen, da die Türkei die Chance hat, EU- Mitglied zu werden. „Jetzt stoßen wir in eine ganz neue Dimension vor“, freut sich Kemal Sahin. Der Präsident der deutsch-türkischen Handelskammer erwartet, dass die Türkei für Investoren nun deutlich interessanter wird: „Die Rechtssicherheit wird steigen, die Bürokratie abnehmen und das Vertrauen der Ausländer zunehmen. Das wird das Klima entscheidend verändern.“

Seit Jahren sind türkische Firmen wichtige Partner für die deutsche Industrie. Vor allem Mode-Anbieter kaufen einen großen Teil ihre Hosen und Pullover am Bosporus ein. Allein im laufenden Jahr stieg der türkische Textilexport von 15 auf 20 Mrd. Dollar – und für 2005 prognostiziert der Textilverband ITKIB erneut ein Plus. „Um schnell qualitativ hochwertige Ware zu bekommen, ist die Türkei unerlässlich“, sagt Karl-Heinz Mohr, Chef der Starnberger Modekette More & More.

Die deutsche Industrie hofft darauf, dass es für Investoren durch einen EU-Beitritt leichter wird, in die Türkei zu gehen. Siegfried Goll, Vorstandschef des Autozulieferers ZF Friedrichshafen AG: „Unternehmen, die weltweit Produktionswerke haben, begrüßen eine möglichst große EU, um so viele Hemmnisse wie möglich abzubauen. Einheitliche Bestimmungen, eine einheitliche Währung und eine Unterstützung der Wirtschaft durch die Gesetzgebung wünschen wir uns auch von der Türkei.“

Rechtssicherheit ist ein großes Thema unter ausländischen Firmen in der Türkei. Vor allem Markenartikler leiden unter der Produktpiraterie. Das Land gilt als einer der weltweit größten Umschlagplätze für gefälschte Waren. „In der Theorie sind die Gesetze gegen Produktpiraterie vorhanden. Doch die Umsetzung lässt zu wünschen übrig“, sagt Nisa Albayrak, die für den Sportkonzern Adidas-Salomon in Istanbul auf die Jagd nach Produktfälschern geht. Nicht immer bekomme sie dabei die Unterstützung der Polizei, die sie sich wünschen würde, klagt die Juristin. Mit einem EU-Beitritt würden solche Probleme wohl gelöst, hoffen viele Geschäftsleute in der Türkei.

Nicht alle Firmen betrachten die Beitrittsverhandlungen aber als den großen Durchbruch. „Die Unternehmen werden von einem Beitritt nicht besonders profitieren, schließlich gehören wir durch die Zollunion heute schon so gut wie dazu“, sagt Ismail Kisacik, Chef des Istanbuler Textilkonglomerats Taha Group. „Ob wir Mitglied der EU sind oder nicht, die Firmen stehen im Konkurrenzkampf und müssen an den Kosten arbeiten.“ Viel wichtiger als die EU sei, dass jede einzelne Firma gut aufgestellt sei.

Quelle: Handelsblatt

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