Kanzler will in der Normandie Fettnäpfe vermeiden
Symbolische Geste für Schröder

Dass er am Sonntag in die Normandie reisen kann, gehört für Bundeskanzler Gerhard Schröder zu den angenehmsten Terminen der vergangenen Monate. Denn nach turbulenten Wochen in der Innenpolitik sieht er die Einladung zu den Gedenkfeiern des 60. Jahrestags der Alliierten-Landung in der Normandie als persönliche Auszeichnung. Zudem handelt es sich aus seiner Sicht um eine wichtige symbolische Geste: Deutschland wird damit von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs als gleichwertiger Partner aufgenommen.

BERLIN. Der Kanzler fährt aber auch deshalb entspannt nach Westen, weil sein Auftritt wohl keine Kontroverse auslöst. Vor allem von amerikanischer Seite wird seine Teilnahme nach dem Streit über den Irak-Krieg überraschend freundlich kommentiert. So hat der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger betont, er sei „sehr froh“ über die Einbeziehung Deutschlands. „Die Zeit dafür ist einfach gekommen“, sagte er am Mittwoch in Berlin. Medien wie die „New York Times“ stimmen in diesen Tenor ein. Und weil auch keiner der anderen Alliierten Einwände gegen den Einladungsvorschlag von Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac erhob, war der Weg frei für den geplanten harmonischen Auftritt. Schröder kann sich in die Riege von Chirac, US-Präsident George W. Bush, Russlands Präsident Wladimir Putin und der Queen einreihen.

Dass auch in Deutschland weitgehende Einigkeit über die Teilnahme Schröders an einer Feier der Siegermächte herrscht, ist dabei keineswegs selbstverständlich. Noch vor zwanzig Jahren hätte Schröder für seine Äußerung erheblichen Widerspruch geerntet, dass der 6. Juni zum „Symbol für den Kampf für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte“ geworden sei. 1985 hatte etwa der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker eine heftige Kontroverse ausgelöst, als er das Kriegsende am 8. Mai 1945 nicht als Tag der Niederlage, sondern als Tag der Befreiung bezeichnete. Wie heikel der Umgang von ehemaligen Siegern und Besiegten war, zeigte auch Kohls Reaktion auf vorsichtige Nachfragen Mitterrands, ob er an den Normandie-Feierlichkeiten teilnehmen wollte. Kohl wies mit dem Argument zurück, er sehe den 6. Juni als ausdrückliche Sieger-Feier, aber als kein Opfer-Gedenken.

Heute mahnt der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble Fingerspitzengefühl an: „Wenn es dem Bundeskanzler gelingt, die Ambivalenz deutlich zu machen, die das Datum für die Deutschen hat, dann kann seine Teilnahme ein richtiges Zeichen sein. Denn mit dem 6. Juni begann ja sowohl die Befreiung von den Gräueln der Nazi-Diktatur als auch millionenfaches Elend für die Besiegten.“ Falls die Teilnahme ein Symbol für die unverändert hohe Bedeutung sein solle, die die atlantische Partnerschaft als Wertegemeinschaft habe, dann müsse die Politik der Bundesregierung aber auch konstruktive Taten folgen lassen, sagte Schäuble dem Handelsblatt.

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