Kanzlerin Merkel mit großer Wirtschaftsdelegation auf Staatsbesuch
Algeriens Erdgas zieht Investoren an

Die deutsche Industrie hofft auf milliardenschwere Aufträge in Algerien. Zu der Wirtschaftsdelegation, die zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zwei Tage lang das nordafrikanische Land bereist, gehören unter anderem Vertreter von RWE Dea und Eon Ruhrgas.

ALGIER. Die beiden Versorger RWE Dea und Eon Ruhrgas werben um Lizenzen zur Erschließung großer Gasvorkommen in Algerien. Das passt zum Bestreben der Bundesregierung, die Abhängigkeit Deutschlands von russischen Gasimporten zu mindern.

Algerien ist zwar der drittgrößte Erdgaslieferant Europas, doch die deutsche Wirtschaft hat sich mit Investitionen bisher zurückgehalten. Dabei ist das Land vier Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs aufgrund der milliardenschweren Öl- und Gaseinnahmen wieder interessant für ausländische Unternehmer. Die Infrastruktur muss ausgebaut werden; auch Konsumgüter werden gebraucht.

Merkel will deshalb mit dem algerischen Staatspräsidenten Abdelaziz Bouteflika auch über Wirtschaftsprojekte sprechen. Die Kanzlerin hatte den 71-Jährigen erst vor wenigen Tagen in Paris bei der Gründung der Mittelmeerunion getroffen. Mit ihrem ersten Besuch in dem nordafrikanischen Land will die deutsche Regierungschefin aber nun unterstreichen, dass sie die Region nicht der traditionellen französischen Vorherrschaft überlassen will.

Algerien ist nach Jahren heftiger Kämpfe mit islamistischen Terroristen, die zwischen 1992 und 2004 über 100 000 Todesopfer in der Bevölkerung forderten, wieder einigermaßen zur Ruhe gekommen – trotz gelegentlicher Anschläge nationaler El-Kaida-Gruppen. Und in der Maghreb-Region spielt das Land wieder eine Schlüsselrolle. So ist der Nachbar Libyen gerade erst dabei, sich aus der Isolation zu befreien. Und Marokkos König blieb der Gründung der Mittelmeerunion fern.

Am Rohstoff- und Devisenreichtum Algeriens sind inzwischen viele Staaten interessiert. So dränge etwa die rohstoffhungrige Regierung in Peking „mit Macht und wenig Skrupel vorwärts“, wie ein deutscher Diplomat formuliert. Auch für Chinas Exporteure ist der Maghreb-Staat ein wichtiger Markt, die Volksrepublik ist drittgrößter Lieferant für Algerien. Deutschland folgt auf Rang fünf.

Interessant wird Algerien vor allem durch die Einnahmen aus den Öl- und Gasexporten. Diese werden für 2006 auf 53 Mrd. US-Dollar beziffert – neuere Zahlen aus der immer noch zu zwei Dritteln staatlich gelenkten Wirtschaft liegen nicht vor. Die algerischen Devisenreserven schätzt die Bundesagentur für Außenwirtschaft für 2007 auf 80 Mrd. US-Dollar, obwohl 2006 Auslandsschulden von über elf Mrd. Dollar zurückgezahlt wurden.

„Algerien schwimmt im Geld“, heißt es im Kanzlertross, „aber Bürokratie und mangelnde Organisation verhindern, dass es auch sinnvoll ausgegeben werden kann.“ Zu diesem Befund passt, dass in den Städten mehr als ein Drittel der jungen Algerier arbeitslos sind. Die Perspektivlosigkeit treibt viele der 34 Millionen Einwohner zu abenteuerlichen Bootsfluchten über das Mittelmeer. Die schlechte soziale Lage der Jungen gilt auch als größte Gefährdung der politischen Stabilität, da radikal-islamische Gruppen die verbreitete Unzufriedenheit immer wieder anstacheln.

Ausländische Investitionen sollen die Lage verbessern. Unter den Wirtschaftsvertretern im Tross der Kanzlerin dominiert die Energiebranche. Algeriens Energieminister Schakib Chahil ist zugleich Vorsitzender des Ölkartells Opec. Bereits 90 Prozent des algerischen Erdgases werden in die EU exportiert, Tendenz steigend. Auch wenn nach Deutschland noch keine Pipeline führt – zwei neue Leitungen nach Spanien und Italien sind im Bau, unter anderem mit Beteiligung von Wintershall. ABB und Dekra bewerben sich um den Bau von Hochspannungsleitungen und Sicherheitsanlagen im Förderbereich. Die Linde AG möchte eine große Heliumanlage betreiben, Siemens ist an der Modernisierung der Eisenbahn beteiligt.

Um milliardenschwere Projekte geht es auch im Rüstungsbereich – hier buhlen Thyssen-Krupp, Rheinmetall und Rohde&Schwarz um Aufträge. Selbst am Bau der größten Moschee des Landes wird die deutsche Wirtschaft verdienen: Die Architektengruppe Krebs & Kiefer International hat den Auftrag für die Planung für den Bau des eine Mrd. Euro teuren Gotteshauses erhalten.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%