Kapitalsteuer
Brasilien wehrt sich gegen Aufwertung

Mit der Besteuerung von ausländischen Kapitalzuflüssen will die brasilianische Regierung die künstliche Aufwertung des Real stoppen. Während die Industrie die Maßnahme begrüßt, wächst die Kritik unter Ökonomen und Finanzanlegern. Die Steuer verschleiere den wahren Grund für die teure Währung
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SAO PAULO. Die brasilianische Regierung will den Zufluss ausländischen Kapitals an Börse und Finanzmärkten mit einer Sondersteuer bremsen. „Wir wollen die exzessive Spekulation und eine weitere Aufwertung des Real verhindern“, begründete Finanzminister Guido Mantega die Maßnahme. Künftig sollen Finanzinvestitionen aus dem Ausland pauschal mit zwei Prozent besteuert werden. Ausländische Direktinvestitionen in Produktion oder den Kauf von Firmen dagegen sollen steuerfrei bleiben.

Vertreter der Industrie begrüßten die neue Finanzsteuer: Unter der Aufwertung gegenüber dem Dollar um 25 Prozent seit Jahresbeginn leiden vor allem die Exporteure von Industrieprodukten. „Wir verlieren Märkte an China und sogar an Konkurrenten aus Südamerika“, sagt Armando Monteiro Neto, Präsident des nationalen Industrieverbandes: „Mit der Steuer haben wir die Hoffnung, dass der Real nicht noch weiter dramatisch aufwertet.“

Bereits im vergangenen Jahr hatte Brasilien eine Steuer in Höhe von 1,5 Prozent auf ausländische Investitionen in Staatsbonds erhoben. Diese wurde jedoch im Oktober wegen der internationalen Finanzkrise wieder abgeschafft. Die Steuer auf Anleihen hatte sich als wenig effizient erwiesen, weil ausländische Investoren weiterhin auf den hohen brasilianischen Zins setzten. Zudem profitierten die Anleihen von der Aufwertung des Real.

Minister Mantega betonte jetzt, dass die Regierung mit der Finanzsteuer keine Erhöhung der Staatseinnahmen bezwecke. Unterm Strich dürften sich die Einnahmen durch die Steuer mit den Verlusten durch höhere Zinsen auf die interne Staatsschuld die Waage halten.

Auf den Finanzmärkten und bei Ökonomen stieß die Steuer auf wenig Begeisterung: Kritiker befürchten, dass sie lediglich die Kapitalkosten in Brasilien erhöht und die brasilianische Börse ihre Funktion als Kapitalbeschaffer für Konzerne einbüßen könnte. „Die Investoren werden nun lieber in brasilianische Aktien an ausländischen Börsen in New York, London oder Madrid investieren“, fürchtet der Analyst Nathan Blanche von Tendencia Consultores.

Ausländische Investoren haben den Börsenboom noch zusätzlich angetrieben. Allein in den ersten acht Monaten flossen 13 Mrd. Dollar ins Land. Vor allem bei geplanten Börsengängen fürchten Experten nun die Zurückhaltung ausländischer Investoren – was jedoch angesichts der hohen Wachstumsprognosen für Brasilien als wenig plausibel gilt.

Überzeugender klingen Kritiker, die die Stoßrichtung der Finanzsteuer bemängeln: „Der Real wird weniger durch die Spekulation gestärkt, sondern durch anhaltend hohe Dollareinnahmen aus den Rohstoffexporten“, sagt Ex-Zentralbankdirektor Carlos de Thadeu Freitas. Auch für das Ölexplorationsprogramm des staatlichen Energiekonzerns Petrobras plant der Konzern Investitionen in Höhe von rund 180 Mrd. Dollar in den nächsten fünf Jahren. Ein Teil soll aus dem Ausland kommen, sonst wäre das weltweit größte Investitionsprogramm der Ölbranche nicht finanzierbar. Auch für die Vorbereitungen der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympiade 2016 könnten Investitionen bis zu 70 Mrd. Dollar notwendig werden.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

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