Karadzics wahres Leben im Untergrund
Der Hexer vom Balkan

Der in Belgrad gefasste mutmaßliche Kriegsverbrecher Radovan Karadzic war in seinem Untergrund-Leben weitaus aktiver als bisher bekannt. So betätigte er sich als Seelendoktor und Spiritueller und betrieb sogar seine eigene Website - obwohl ihm hunderte Fahnder auf den Fersen waren.

BERLIN. D.D. David, die vier D.s mit Dreiecken - so steht es auf der Visitenkarte des jetzt als Kriegsverbrecher festgenommenen Radovan Karadzic. Und seine Firma nannte er Human Quantum Energy. Der Mann, der nach den Massakern in Bosnien vor zwölf Jahren untertauchen musste, war einer der aktivsten Männer in Belgrads spiritueller Szene.

Unter dem Pseudonym Dragan David Dabic schrieb er zudem seit Jahren zahlreiche Aufsätze im Belgrader Magazin "Zdrav Zhivot" (Gesundes Leben). Auch eine eigene Website betrieb der Mann, der politisch die jahrelange Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo befehligte und die Massaker von Srebrenica mit allein dort 8000 toten Moslems.

Karadzic, der sich oft "Mann aus den Bergen" nannte - war zuletzt ein abgemagerter ein Waldschrat mit Rauschebart und Psychofimmel. Immer wieder hielt er vor Hunderten Belgradern Vorlesungen und trat auf alternativen Gesundheitsforen auf. Der studierte Mediziner und Psychiater, der nach seine Übersiedelung aus dem heimatlichen Montenegro nach Bosnien auch Fussballer des Profiklubs von Sarajevo betreute, warbt dort für seine Praxis Human Quantum Energy. "Er bewegte sich vollkommen frei in Belgrad. Niemand erkannte ihn", sagte Sonderstaatsanwalt Vladimir Vuksevic der Presse in der serbischen Hauptstadt und fügte nur noch hinzu: "Haben Sie bitte Verständnis, die operativen Erkenntnisse sind wichtig für die Festnahme der verbliebenen, wegen Kriegsverbrechen angeklagten Flüchtlinge."

So schießen Spekulationen ins Kraut, Karadzic habe sogar im Belgrader Diplomatenviertel Vracar gelebt, unweit der Vertretung der EU in Serbien. Festgenommen wurde er nach Angaben der Ermittler jedoch im Neubauviertel Novi Beograd, als er sich im Bus zu einem neuen Versteck habe begeben wollen. Dabei seien die Zielfahnder des serbischen Geheimdienstes dem 63-Jährigen sogar nur auf die Schliche gekommen, weil sie Helfershelfer des ebenso untergetauchten bosnisch-serbischen Militärkommandeurs Karaddzics, Ratko Mladic, beschattet hätten. Diese hätten die Ermittler auf Karadzics Spur gebracht.

Dabei hatten hunderte Gesundheitsfanatiker bereits ständig Kontakt zu dem als "Dr. Dragan Dabic" auftretenden mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Er reiste frei im Land umher und hielt seine Vorträge in vielen Städten Serbiens, einige seiner Patienten traf er sogar zum Tee auf der Terazije, der zentralen Bummelmeile Belgrads.

"Ich lernte ihn kennen als einen sehr netten Mann, der alles über Spiritualität wusste. Da hatte er schon den langen weißen Bart und war absolut nicht als der gesuchte Karadzic zu erkennen", berichtet der Chefredakteur des Blattes "Gesundes Leben", Goran Kojic, dem Belgrader Radiosender B-92. "Er schrieb dann sogar Beiträge für uns, ohne Honorare zu verlangen."

Lesen konnte man Karadzics Gesundheitstipps aber auch auf seiner Internet-Site www.psy-help-energy.com. Dort bot er seine Dienste von der Behandlung der Impotenz, über Asthma bis hin zum Autismus an. Ob Ayuverda oder Seelenmassage, Dr. Dragan, hinter dem sich Karadzic versteckte, bot allen Hilfe.

Nicht einmal die eigene Familie wusste, wo Karadzic - der lange im Umfeld des Klosters Ostrog unweit seines montenegrinischen Geburtsorts Niksic vermutet worden war - sich versteckte. "Radovan hat sich nicht ergeben, das ist nicht sein Stil", sagte sein Bruder Luka gestern vor dem Gebäude des Belgrader Sondergerichts. Sie sei "geschockt und verwirrt", meinte in Pale seine Ehefrau Ljiljana Karadzic zur Ergreifung ihres Mannes: "Aber zumindest wissen wir nun, dass er noch lebt."

Besuchen dürfen sie und ihre beiden Kinder den Inhaftierten nicht: Ihnen wurden im Januar vom Bosnien-Aufseher der internationalen Gemeinschaft die Pässe abgenommen. Hilfe will der Psycho-Helfer ohnehin nicht mehr: Wie der 2006 während seines Verfahrens beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gestorbene serbische Autokrat Slobodan Milosevic wolle er sich nun auch selbst vor dem internationalen Gericht selbst verteidigen, sagte sein Anwalt Svetozar Vujacic.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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