Karikaturen-Streit: Dänische Völkerkunde

Karikaturen-Streit
Dänische Völkerkunde

Zu spät hat die Regierung um Anders Fogh Rasmussen auf den Streit um die Mohammed-Karikaturen reagiert. Nun ist ein ganzes Land verunsichert und sucht nach seiner Identität – Ansichten aus Kopenhagen.

KOPENHAGEN. Im Schaufenster von Nørrebro’s boghandel, der Buchhandlung im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro, gibt es eine kleine Lehrstunde in Geographie, Völkerkunde und Kultur. Neben Portraits von Mao und dem Dalai Lama, neben Schilderungen der indianischen Kultur finden sich Länderberichte und Reiseführer. Auch Carsten Niebuhrs „Rejsebeskrivelse fra Arabien og andre omkringliggende lande“, Reisebeschreibungen aus Arabien und den benachbarten Ländern. Das Schaufenster der kleinen Buchhandlung sieht genau so bunt aus wie die Bevölkerungszusammensetzung von Nørrebro, dem Kreuzberg von Kopenhagen. Bücher mit arabischen Schriftzeichen auf dem Titel, dänische Literatur, Sachbücher, Fachbücher, Bilderbücher – und doch fehlt ein Werk in der Auslage.

„Wir wollen niemanden provozieren“, sagt die zierliche Buchhändlerin mit schüchternem Blick und bittet darum, ihren Namen nicht zu nennen. Das fehlende Buch im Schaufenster hat indirekt „die größte nationale Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“ ausgelöst, wie Dänemarks Außenminister Per Stig Møller am vergangenen Wochenende den leichtfertig als Karikaturen-Streit bezeichneten Zusammenprall von Meinungsfreiheit und Religionstreue nannte.

Der Reihe nach: Der dänische Schriftsteller und Fernsehjournalist Kåre Bluitgen wollte sein Kinder- und Jugendbuch „Der Koran und das Leben des Propheten Mohammed“ mit Zeichnungen von Mohammed illustrieren. Doch die Suche nach geeigneten Künstlern gestaltete sich deutlich schwieriger als zunächst angenommen. Einige angeschriebene Karikaturisten lehnten sofort ab, andere zögerten und pochten auf Anonymität. Bluitgen erzählte von seinen Schwierigkeiten, die dänische Nachrichtenagentur Ritzaus Bureau berichtete und weckte damit im September vergangenen Jahres das Interesse der konservativen Tageszeitung „Jyllands Posten“. Deren Feuilleton-Chef Flemming Rose rief in der Zeitung zu einem Karikaturen-Wettbewerb auf. Zwölf Bilder des Propheten erschienen am 30. September vergangenen Jahres in Dänemarks zweitgrößter Zeitung, zwölf Karikaturen, auf denen der Prophet Mohammed mal mit einer Bombe als Turban und dazugehörigen brennender Zündschnur zu sehen war, mal als Türsteher zum Paradies, der mehreren Selbstmordattentätern zuruft: „Stopp, uns sind die Jungfrauen ausgegangen“.

Eine Grenze war überschritten. Im Islam dürfen Heilige aus Angst vor einer zügellosen Götterverehrung gar nicht dargestellt werden. Und wenn, wie schon zuvor geschehen, dann auf jeden Fall nicht als grimmige Genossen, als Terroristen. Die langsame Eskalation nahm nach diesem Freitag im September 2005 ihren gemächlichen Lauf, der nun mit Todesopfern, brennenden Botschaften, Angriffen auf Soldaten und Handelsbojkotten seinen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat.

Bluitgens Buch ist mittlerweile erschienen, mit anderen Illustrationen von namentlich nicht genannten Zeichnern. Das Buch ist ein Riesenerfolg, kam in dieser Woche in zweiter Auflage heraus. „Wir wollen niemanden provozieren“, sagt noch einmal die nette grauhaarige Buchhändlerin in Nørrebro, berichtet dann aber, dass sie schon „vier bis fünf Bücher“ verkauft habe. Ihre Kundschaft – das sind Studenten, Künstler und viele Muslime. In dem bunten Stadtteil, dessen gemütliche Cafés und Hauswand-Graffiti eher von Lebenslust, denn von Frust und Aggressionen erzählen, wohnt eine Mehrzahl der Kopenhagener Muslime. Wenn der rote Bus der Linie 5 A vor der römisch-katholischen Sacraments-Kirche hält, ist ein Drittel der aussteigenden Fahrgäste verschleiert, ein weiteres trägt stolz den Vollbart zur Schau.

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