Karikaturen-Streit
Eine Marke ist schwer angekratzt

Der weltweite Streit um die Mohammed-Karikaturen hat Dänemark in seinen Grundfesten erschüttert wie kein politisches Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg. Einst standen die Dänen auf der globalen Sympathieskala weit oben. Für viele Bürger des Landes hat der jähe Absturz aber tiefere Ursachen als 12 Karikaturen.

HB KOPENHAGEN. „Der Markenname unseres Landes als tolerant und humanitär ist auf viele Jahre zerstört“, kommentierte die Kopenhagener Zeitung „Politiken“. Sie brachte damit auf den Punkt, was vielen der von fast täglichen Botschaftsattacken, Flaggenverbrennungen und anderen Gewalttätigkeiten kollektiv unter Schock gesetzten Dänen erst langsam dämmert.

„Früher war unsere Fahne Dannebrog auf meinem Rucksack überall auf der Welt eine prima Empfehlung, wenn ich herumgereist bin. Jeder mochte doch die Dänen“, erinnerte sich Jørgen Nielsen, Ex-Chef des Dänischen Kulturinstituts in Damaskus, bei einer TV-Debatte. Tatsächlich hatten die Dänen mit Attributen wie freundlich, selbstironisch, pragmatisch, ohne Dünkel und als Bürger eines kleinen Landes mit ausgeprägter Einsatzbereitschaft bei der Entwicklungshilfe oder UN-Friedensmissionen beneidenswerte Sympathiewerte in aller Welt.

Viereinhalb Monate nach Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Dänemarks größter Zeitung „Jyllands-Posten“ aber ist das Kulturinstitut in Damaskus geschlossen, alle Mitarbeiter wurden in großer Eile aus Syrien evakuiert. Praktisch jeden Tag weitet das Kopenhagener Außenministerium seine Reisewarnungen an die 5,5 Millionen Dänen auf ein neues Land aus.

Traurig berichtet ein älteres Ehepaar im Fernsehen, dass der Traum von der Dampferfahrt auf dem Nil sich zerschlagen hat, weil Reisen nach Ägypten nun als zu gefährlich gelten. Von Landsleuten mit Wohnsitz in arabischen Ländern hören die Skandinavier in den Abendnachrichten, dass diese ihre Herkunft zur Zeit lieber verschweigen. Die bange Frage, wann jemand den entfesselten Hass von Fanatikern mit einem Terroranschlag auch nach Dänemark selbst trägt, wird noch nicht einmal laut gestellt.

Für viele Bürger allerdings ist dieser komplette Wandel des dänischen Selbstverständnisses keineswegs erst mit den Zeichnungen oder der Explosion von Protesten in Gang gesetzt worden. „Ich will nicht in einem Land leben, das Fremde so behandelt, wie wir das getan haben“, rief der Schriftsteller Carsten Jensen bei einer Demonstration vor 3 000 Kopenhagener aus. Er und die anderen Demonstranten betrachten die von ihnen als ganz und gar nicht freundlich angesehene Ausländerpolitik Dänemarks als eine der tieferen Ursachen oder Auslöser für die katastrophale Entwicklung der vergangenen Tage.

Nirgendwo in Westeuropa sind die Zuzugsbeschränkungen in den letzten Jahren so drastisch verschärft worden wie in Dänemark. Wer einen ausländischen Ehepartner ins Land holen will, muss älter sein als 24 Jahre. Der Ton der öffentlichen Debatte ist ebenfalls wesentlich härter als etwa bei den Nachbarn Schweden oder Deutschland.

Pia Kjærsgaard, Chefin der rechtspopulistischen DVP und als Mehrheitsbeschafferin von Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen geschätzt und hofiert, kündigte Anfang dieser Woche in ihrem „Wochenbrief“ an, wie sie nach Ende des derzeit akuten Konfliktes vorzugehen gedenkt: „Wir werden schon selbst mit diesem Unkraut fertig, das mit Islamisten und Lügnern über unsere Grenzen hereingeweht ist und durch ihre Lügen diesen lebensgefährlichen Konflikt für Dänemark erzeugt haben.“

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