Karikaturenstreit: Wirtschaft kümmert Boykottdrohung wenig

Karikaturenstreit
Wirtschaft kümmert Boykottdrohung wenig

Die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen werden immer gewalttätiger. In Afghanistan griffen Demonstranten norwegische Nato-Soldaten an. Die radikal-islamischen Taliban riefen Muslime zum Heiligen Krieg auf. Der Konflikt droht auch den Handelsbeziehungen der EU zum Nahen Osten zu schaden. Doch die deutsche Wirtschaft plagt eine andere Sorge.

HB DÜSSELDORF. Vor allem Dänemark und Norwegen sind angesichts der Karikaturen des Propheten Mohammed in der dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ Ziele arabischer Boykott-Aufrufe. Dänische Produkte sind aus Regalen der Supermärkte in Saudi-Arabien entfernt worden, der Irak hat seine Handelsbeziehungen zu beiden Ländern eingefroren, und Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat am Montag in Teheran den sofortigen Abbruch aller Handelsbeziehungen mit Dänemark angeordnet. Zuvor hatte er bereits verfügt, die Wirtschaftsbeziehungen zu allen Staaten zu überprüfen, in denen die Karikaturen veröffentlicht worden sind.

In Deutschland ist von einem iranischen Boykott auf Grund der Karikaturen noch nichts zu spüren. Die Bundesregierung setzt angesichts der Ausschreitungen auf Deeskalation. „Wir dürfen nicht zulassen, dass aus diesem Streit ein Kampf der Kulturen wird“, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Allerdings hat das Auswärtige Amt seine Sicherheitshinweise für mehrere Nahostländer ergänzt. Das Außenministerium empfiehlt jetzt, Menschenansammlungen und Demonstrationen in Syrien, Israel, Libanon, den palästinensischen Gebieten und Saudi-Arabien unbedingt zu meiden.

Gelassen reagiert noch die deutsche Wirtschaft. „Es gibt derzeit keine Anzeichen aus Teheran, dass die Drohungen des iranischen Präsidenten in die Tat umgesetzt werden“, sagte Joachim Clausnitzer, Nahostexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Dennoch rechnet der DIHK 2006 mit einem Rückgang des deutschen Exportvolumens nach Iran. Präsident Ahmadinedschad tausche derzeit die Eliten in den Ministerien und den Staatsunternehmen aus. Dementsprechend würden kaum Aufträge vergeben.

Deutschland lieferte von Januar bis November 2005 Waren im Wert von 4,1 Mrd. Euro in den Iran. Der gesamte Mittlere Osten schlägt sich bei den deutschen Ausfuhren mit rund 22 Mrd. Euro nieder, das entspricht drei Prozent aller Exporte. Die möglichen handelspolitischen Auswirkungen des schwelenden Atomstreits auf die deutsche Wirtschaft hält Clausnitzer darüber hinaus für gravierender als die Folgen des Karikaturenstreits. Das Iran-Geschäft werde mittel- und langfristig für die deutsche Wirtschaft uninteressanter.

Die präsidialen Drohungen ohne Aufregung zu betrachten, rät der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). „Wir machen schließlich Geschäfte mit der Wirtschaft. Und mit der bestehen Verträge und eine lange Geschäftstradition“, sagte Robert Döllner, Nahostexperte des BDI. Die Siemens AG ließ verlauten, ihr Iran-Geschäft verlaufe normal. Siemens wickelt derzeit Aufträge im Kraftwerksbau und in der Medizintechnik in Iran ab.

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