Katastrophe in Japan: Das stille Leiden einer Nation

Katastrophe in Japan
Das stille Leiden einer Nation

Während in Japan die Angst vor dem nuklearen Fallout wächst, friert ein anderer Niederschlag das vom Atom-Gau gelähmte Land ein: Der Schnee legt sich über die Tsunami-Gebiete - Hunderttausende bangen weiter um ihr Leben.
  • 0

Tokio/SendaiFünf Tage nach dem verheerenden Erdbeben versinken 120 Millionen Japaner in eine gespenstische Schockstarre. Es ist, als ob das ganze Land in seinem Leiden erstarrt: Bislang zitterten die Menschen vor dem atomaren Super-GAU, der radioaktiven Wolke, die von den Katastrophen-Reaktoren in Fukushima in das nur 240 Kilometer entfernte Tokio herüberzuwehen droht.

Als wäre das nicht genug, zittern die Menschen in den Katastrophengebieten nun auch vor dem Schnee, der sich wie ein Leichentuch über die Tsunami-Gebiete legt - und zerstörte Häuser, Tote und die Rettungskräfte unter sich begräbt.

In der Präfektur Fukushima verlassen immer mehr Menschen ihre Häuser und bringen sich in Sicherheit. Wie der Fernsehsender NHK am Donnerstag berichtete, flohen weitere 28 000 Menschen vor der Gefahr radioaktiver Verstrahlung.

Weiter im Nordosten kämpfen die Menschen unterdessen gegen bittere Kälte. Benzin und Nahrungsmittel werden immer knapper. Die Situation im Kernkraftwerk Fukushima Eins gerät zunehmend außer Kontrolle, nachdem ein heftiges Erdbeben und Tsunami die Anlage am Freitag beschädigt hatten.

Viele Notunterkünfte in der Region seien aber schon überfüllt und könnten keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen, berichtete der Sender NHK am Donnerstag (Ortszeit) weiter. Deshalb würden viele Menschen jetzt auch auf umliegende Präfekturen ausweichen. So seien in der Präfektur Niigata weitere Hotels reserviert worden, um Flüchtlinge aufzunehmen. Allein in der Stadt Niigata stünden dafür nun zusätzliche 17 Hotels zur Verfügung.

In den Präfekturen Yamagata und Tochigi seien nun Experten damit beschäftigt, Menschen aus Fukushima auf Radioaktivität zu überprüfen und medizinisch zu versorgen. Die Lage in den Notlagern weiter im Erdbebengebiet im Nordosten wird ebenfalls immer angespannter. In einer Grundschule in der Stadt Sendai entfachten die dort untergebrachten Menschen am Donnerstag im Morgengrauen mit Holzscheiten Feuer unter Fässern, um heißes Wasser zuzubereiten. Die Fensterscheiben waren im Inneren des Gebäudes vereist. Die Menschen versuchen sich mit Decken warm zu halten.

„Die Gasvorräte gehen zu Ende“, sagte ein Reporter des japanischen Fernsehens. An den Wassertanks bildeten sich Schlangen geduldig wartender Menschen. Mancherorts hat es geschneit. Auch Benzin an den wenigen noch geöffneten Tankstellen geht aus.

Schätzungsweise 430 000 Japaner leben seit dem schweren Beben und der darauffolgenden Flutwelle in mehr als 2400 Notunterkünften. Das Gebiet um die Stadt Sendai war besonders stark von dem Tsunami getroffen worden. Nun kämpfen sich die Retter mühsam durch die überflutete Einöde, in der vorige Woche noch Häuser und Fabriken standen. Sie suchen weiter nach Überlebenden. Die Chancen sinken mit jeder Minute.

Zwar wurden zwei Menschen lebend geborgen, doch meistens ziehen die Soldaten und Freiwilligen Leichen unter den Trümmern hervor. „Der starke Verwesungsgeruch und das dreckige Meerwasser machen die Suche extrem schwierig“, sagt Helfer Yin Guanghui.

Die Zahl der offiziell registrierten Todesopfer steigt ebenso wie die Zahl der Vermissten weiter. Insgesamt 4377 Tote hat die Polizei inzwischen verzeichnet, wie der japanische Fernsehsender NHK am Mittwochmorgen (Ortszeit) berichtete. Zusammen mit den Vermissten ergebe sich inzwischen sogar die Zahl von 13 400 Opfern. Stündlich schwinden die Chancen, in den vom Beben und den Riesenwellen verwüsteten Gebieten noch Menschen lebend zu retten. Mit den tausenden Toten erlebt Japan die größte nationale Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg, als zwei Atombomben das Land trafen

Auch sauberes Wasser, Strom und Wärme fehlen den gepeinigten Menschen. Landesweit müssen derzeit 1,6 Millionen Menschen ohne Leitungswasser auskommen. Die Regierung hat 80 000 Rettungskräfte im Einsatz, unter ihnen Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute. Doch sie kommen nur langsam voran: Im Nordosten Japans, dem eigentlichen Katastrophegebiet, behindern Schneeschauer die Rettungsarbeiten. In der Nacht waren die Temperaturen deutlich unter null Grad gefallen.

Die Feuerwehr hat ihre Arbeit eingestellt: Wegen der starken Schneefälle fürchten die Helfer, nicht zur Feuerwache zurückkehren zu können. „Wir können gerade mal 40 Meter weit gucken“, beschreibt ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes die Wetterlage. Wahrscheinlich sind durch das Erdbeben und den Tsunami 10.000 Menschen getötet worden, Tausende wurden am Mittwoch noch immer vermisst.   

Die japanische Regierung will die Hilfslieferungen in den Nordosten des Landes besser koordinieren. Gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium sei ein entsprechender Plan ausgearbeitet worden, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Die Lieferungen sollten von den regionalen Präfekturverwaltungen entgegengenommen werden. Privatleute, die etwas spenden wollten, sollten sich an diese wenden. Verderbliche Lebensmittel sollten allerdings nicht geschickt werden, sagte Edano. 

Seite 1:

Das stille Leiden einer Nation

Seite 2:

Auch in Tokio herrscht gespenstische Ruhe

Kommentare zu " Katastrophe in Japan: Das stille Leiden einer Nation"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%