Kaukasus-Konflikt
Bei Russlands Nachbarn geht die Angst um

Der Krieg im Kaukasus alarmiert Russlands Nachbarn. Länder mit russischen Minderheiten wie die Ukraine, Lettland oder Litauen fürchten einen neuen Imperialismus Moskaus. Doch gerade die Länder des Baltikums sind von ihrem Nachbarn im Osten abhängig.

BERLIN. Angst vor Russland? Valdas Adamkus schüttelt den Kopf. „Wir werden nicht auf die Knie sinken“, sagt der litauische Präsident fast trotzig. Aber Illusionen macht er sich so wenig wie seine Amtskollegen in den anderen kleinen Nachbarländern an der Westflanke Moskaus. „Wir sind in Litauen wegen der Öl- und Gaslieferungen von Russland abhängig“, räumt Adamkus offen ein. „Wenn die Russen die Wege dichtmachen, zerstören sie unsere Wirtschaft und alles, was wir uns in den letzten 18 Jahren hier an Fortschritt aufgebaut haben.“

Im ganzen Baltikum ist die Versorgungslage prekär, aber Litauen sitzt regelrecht in der Falle. Daran ist ausgerechnet die EU nicht ganz unschuldig, was kurz vor dem EU-Sondergipfel zu Georgien kommenden Montag jetzt wieder klar zur Sprache kommt: Brüssel hatte nämlich als Bedingung für die EU-Aufnahme 2004 die Abschaltung des einzigen litauischen Atomkraftwerks verlangt. Spätestens 2010 muss das AKW Ignalina schließen. Es produziert 70 Prozent, im Winter sogar bis zu 90 Prozent des gesamten Strombedarfs im Land, wie Präsident Adamkus vorrechnet. Wenn Moskau nach der Abschaltung des AKW Ignalina auch noch den Gashahn zudreht, gehen in Litauen von einem Tag auf den anderen die Lichter aus. Dazu passt, dass gestern die russische Atomholding Rosatom den Bau eines neuen großen Kernkraftwerks in der Enklave Königsberg (Kaliningrad) bekanntgab. Dieses solle Strom bis in die EU liefern und das alte litauische AKW Ignalina ersetzen, hieß es laut Interfax.

Die Bundesregierung versucht zwar jetzt, mit Hilfe der deutschen und polnischen Energiewirtschaft so schnell wie möglich neue, von Russland unabhängige Strom- und Versorgungsleitungen via Polen in die baltischen Staaten zu bauen. Doch dies braucht Zeit – und genau das wissen die Strategen in Moskau. Dort wird ohnehin seit längerem an einer gezielten Politik der Nadelstiche gearbeitet, um den kleinen Nachbarn im russischen Einflussbereich gehörigen Respekt einzuflößen.

Als Einschüchterungsversuch wertet die Regierung in Litauen auch den seit 2006 bestehenden Stopp russischer Rohöllieferungen für die litauische Raffinerie Mazeikiu Nafta. Als offiziellen Grund gibt Moskau Mängel an der Ölpipeline Druschba an. Behoben werden diese jedoch nicht. In Vilnius vermutet man einen anderen Grund für den Lieferstopp: Beim Verkauf der Raffinerie kam nämlich trotz vorheriger Drohungen aus Moskau eine polnische Firma zum Zuge und nicht der russische Interessent. Nach langem, ergebnislosem Warten legte Litauen schließlich wegen der Rohölblockade im April ein Veto gegen den Beginn der Verhandlungen zum neuen EU-Partnerschaftsabkommen mit Russland ein. Heute, im Lichte der Kaukasus-Krise, fühlt sich Litauen in seinem Misstrauen gegenüber Moskau bestätigt.

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