Kaukasus-Konflikt
Seit Iwan dem Schrecklichen

Der Konflikt im Kaukasus hat eine jahrhundertelange Vorgeschichte. In der Georgienkrise vermengen sich geopolitische Interessen mit lokalen Konfliktherden auf gefährliche Weise. Der Angriff Georgiens auf Südossetien hat der Außenwelt die Sprengkraft der ungelösten Sezessionsprobleme im Südkaukasus wieder einmal in Erinnerung gerufen.

HB. Russland hat mit seinem Einmarsch in Georgien seinen Nachbarn und dem Westen signalisiert, dass es sich nicht nur als Schutzmacht der Südosseten, sondern als die regionale Ordnungsmacht schlechthin versteht.

Sind die Minderheitenprobleme Georgiens vor dem Hintergrund der sowjetischen Nationalitätenpolitik zu verstehen, so steht Russlands unzimperliches Vorgehen in der langen Tradition der Verteidigung von Machtansprüchen im Süden. Bereits im 16. Jahrhundert knüpfte Russlands Zar Ivan IV. (genannt „der Schreckliche“) diplomatische Kontakte zu den Völkern nördlich des kaukasischen Bergmassivs. Anfang des 18. Jahrhunderts war es Zar Peter I., dessen Truppen erstmals Eroberungen im südlichen Teil des Kaukasus durchführten. Allerdings konnte Russland die Gebiete nicht halten und zog sich wieder zurück.

Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, unter Katharina I., etablierte sich das Zarenreich als ernstzunehmender militärischer Faktor im Gebiet zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. In langwierigen Kriegen gelang es Russland, den Einfluss der beiden anderen Großmächte, des Osmanischen Reichs und Persiens, zurückzudrängen.

Im Südkaukasus war Georgien, das seine mittelalterliche Hochblüte längst hinter sich hatte und in verschiedene, miteinander rivalisierende Königs- und Fürstentümer zersplittert war, nicht nur vom Osmanischen Reich und Persien bedroht, sondern war auch kontinuierlichen Überfällen dagestanischer Bergvölker ausgesetzt. Erekle II., der König des ostgeorgischen Reiches Kartli und Kachetien, sah deshalb im Bündnis mit dem erstarkenden Russland die Möglichkeit, die Unabhängigkeit seines Landes zu wahren. Russland kam dem Begehren Erekles 1783 im Vertrag von Georgiewsk nach, indem es Georgien unter russisches Protektorat stellte und versprach, das Königreich zu belassen und das Land vor Angriffen der muslimischen Reiche zu verteidigen. Als die Perser Georgien jedoch 1795 erneut angriffen, blieb die Hilfe aus St. Petersburg zunächst aus.

Der Wendepunkt der russischen Kaukasuspolitik erfolgte wenige Jahre später. Russland schickte seine Truppen erneut über den Kaukasus, annektierte Ostgeorgien und brach mit dem Vertrag von 1783, als es den Herrscher absetzte und das Königtum abschaffte. Im Manifest von 1801 erklärte Zar Alexander I., dass die Eingliederung Georgiens ins Russische Reich „nicht zum Wachstum unserer Macht, nicht aus Habgier, nicht um die Grenzen des ohnehin schon größten Reiches der Welt weiter auszudehnen“ erfolgt sei, sondern, weil Russland die „Last des georgischen Zarentums“ auf sich genommen habe.

Russland ließ sich nun fest im Südkaukasus nieder und drängte in der Folge die Perser und Osmanen aus den Gebieten des heutigen Georgiens, Armeniens und Aserbaidschans zurück. Doch erst im Jahr 1864 kamen die russischen Kaukasuskriege zu einem formellen Ende, als mit der Eroberung Tscherkessiens und der endgültigen Zerschlagung des abchasischen Fürstentums, das bis dahin einen halbautonomen Status genossen hatte, der letzte Widerstand gegen Russlands Herrschaft gebrochen war.

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