Kaukasus-Konflikt
„Wir kommen nicht mehr in unsere alten Häuser“

Offiziell ist die russische Armee längst abgezogen, doch vielerorts hindern russische Soldaten vertriebene Georgier an der Rückkehr in ihre Häuser. Russland und Georgien kommen einer Nachkriegsordnung nicht näher – und lassen tausende Menschen heimatlos.

ERGNETI. Die Operation ist abgeschlossen“, verkündet Dmitrij Medwedjew vom Titel einer alten Ausgabe der russischen Regierungszeitung „Rossijskaja Gasjeta“. Das Blatt mit dem Foto des Kremlchefs liegt inmitten von Trümmern der zerstörten „Stalin-Schule“ des Dorfes Ergneti. Rötlicher Spiritus klebt noch am Papier. Die Mehretagenhäuser im nur zwei Kilometer entfernten Zchinwali, der Hauptstadt Südossetiens, sind durch die Weinberge hindurch zu sehen. Hier her, in den von Georgien abgespaltenen und bisher nur von Russland und Nicaragua anerkannten neuen „Staat“, dürfen die ehemaligen Einwohner aber nicht – ein russischer Militärjeep steht mitten auf der Hauptstraße und teilt Ergneti.

„Wir kommen noch immer nicht in unsere alten Häuser, obwohl die Russen doch längst abgezogen sein sollten“, klagen der 52-jährige Soso und seine Frau Nino – ihr Anwesen liegt hinter der russischen Stellung. Offiziell haben die Russen ihre ins georgische Kernland vorgerückten Truppen bis zum 10. Oktober in ihre Ausgangspositionen zurückgezogen, ihre früheren Checkpoints aufgelöst. Doch das ist eben noch nicht überall der Fall. Und so warten weiter zehntausende Menschen aus den abgespaltenen Republiken Abchasien und Südossetien sowie angrenzenden Gebieten geflüchtete Georgier sehnsüchtig auf Heimkehr.

Doch auch wer sein altes Heim nun wieder betreten kann, sieht seine Hoffnungen zerstört: „Wie kann man so etwas machen?“, fasst sich die Lehrerin Eka Kaischwili an den Kopf, als sie durch die Trümmer der Grundschule von Ergneti geht. Tränen stehen in ihren Augen als sie ein Bild des georgischen Nationaldichters Rustawelis, auf ein kleines Tischchen gestellt und von Pistolenkugeln zersiebt, sieht. Auf die Tafel inmitten zerfetzter Schulhefte, zerrissener Georgisch-Bücher und platt getretenem Kinderspielzeug hat der Mob mit Kreide geschrieben: „Russland – das ist Kraft!“ Und: „Georgien, Du wirst für Zchinwali noch zahlen“. Mit Zchinwali ist der georgische Angriff am 7. August auf Südossetiens Hauptstadt gemeint, den die russische Armee zum Anlass nahm, nach Abchasien und Ossetien habe einzurücken.

Schulen, Bibliotheken, Krankenstationen und sogar der Amtssitz des Erzbischofs der georgisch-orthodoxen Kirche von Ossetien liegen in den geräumten georgischen Gebieten an der Grenze zu Südossetien in Trümmern – und hunderte Häuser. Doch auch wenn ihre Heime noch stehen, dürfen noch immer nicht alle Flüchtlinge heim: Überall liegen nicht explodierte Bomben herum, in angrenzenden Weinbergen sind Minen vergraben.

Andernorts können Georgier aus anderen Gründen nicht in ihre Dörfer zurück. So halten russische Soldaten mit einem Posten die Zufahrtsstraße zum Achalgori-Bezirk mit seinen 56 Dörfern besetzt. „Sie lassen uns nicht rein“, sagt der georgische Polizist, der sich nur Sasa nennt. „Die Jungen sind geflohen, nur noch Alte leben jetzt dort und sichern so ihre Häuser. Und die werden nachts von betrunkenen Russen und Osseten bedrängt. Wenn sie keinen Wodka rausrücken, gibt es Prügel. Und ihre Tiere werden gestohlen.“

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