Kaukasus-Krise
In Russlands Falle getappt

Wer wollte, hätte den Konflikt um Südossetien vorhersehen können. Doch Georgiens Präsident Michail Saakaschwili tappte in Moskaus Falle.

TIFILS/GORI. Armselig ist das Diebesgut, das georgische Soldaten neben einen gepanzerten russischen Ural-Militärtransporter geworfen haben: Getragene Kleidung, Blechgeschirr, ein billiger DVD-Player. Im Laster mit der zerschossenen Frontscheibe und dem gesprengten Reifen ist der Boden voller Maiskörner, daraus ragt eine Flasche Perzowka-Pfefferwodka und gebrauchte Stiefel. „Das waren russische Plünderer und als sie sich verfahren haben, stoppten wir sie mit unseren Kalaschnikows“, berichtet der georgische Soldat Mamuka stolz und traurig zugleich.

Es ist ein erster kleiner Sieg der geschlagenen georgischen Armee, Russen gefangenen genommen zu haben. Aber dass die Russen auch außerhalb der umkämpften Gebiete Südossetien und Abchasien Teile Georgiens besetzt halten und dort – offenbar zusammen mit Südosseten und aus Russland gekommenen Kosacken-Verbänden – plündern, bringt Mamuka in Rage. Dagegen tun kann der Bärtige mit der übergroßen Sonnenbrille nichts. Zwar haben die Georgier hier, 40 Kilometer von der Hauptstadt Tiflis entfernt, drei eigene Ural-Laster eilig mit Rot-Kreuz-Emblemen bemalt, und unter den Planen sitzen statt Sanitätern Uniformierte mit ihren Kalaschnikows. Doch ins 20 Kilometer entfernte Gori dürfen die Soldaten nicht. Kein Marschbefehl. Und die Russe.

Sechs russische Panzer halten Stalins Geburtsstadt Gori gesperrt. Keiner kommt rein und keiner raus und wer drin ist, dem ergeht es wie dem Uno-Flüchtlingshilfswerk, dem gestern der Dienst-Geländewagen geklaut wurde. In der Stadt, die von russischen Kampfbombern mehrfach attackiert wurde, berichten Georgier von massiven Plünderungen. „Das ist ein BMP, besser als jeder amerikanische Panzer“, ruft ein russischer Soldat stolz aus seinem mit Geschütz bestückten Turm. Und vor dem daneben stehenden T72-Panzer gibt Major Nail, der aus Dagestan stammt, locker Interviews für die Weltpresse, Helm und Kalaschnikow abgelegt. „Wir haben keinen Befehl, uns zurückzuziehen“, sagt er, obwohl der russische Kommandeur in der Nacht noch verkündet hatte, nach Gori könnte am Donnerstag die georgische Polizei zurückkommen.

Krieg sei dies aber nicht. Die meisten georgischen Soldaten hätten gar nicht gekämpft, behauptet Nail. „Und wenn ich von einem Nachbarn zum anderen Nachbarn gehe, dann ist das doch kein Grenzübertritt“, weist er Anschuldigungen zurück, die russische Armee okkupiere Georgien. „Friedenskräfte? Nein wir sind nicht die russische Friedenstruppe aus Süd-Ossetien. Die sind alle nur noch Leichen. Wir sind Soldaten. Und dass wir hier sind, ist die Schuld dieses Irren Saakaschwili“, meint Major Nail. Alles klar, also. Die Schuldfrage für diesen kaukasischen Krieg wäre damit geklärt. Oder ist alles doch ein wenig schwieriger? Wer ist Täter, wer ist Opfer?

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