Kaukasuskonflikt bringt Ankara in Dilemma
Türkei droht mit eigenen Sanktionen

Überschattet von einem Handelsdisput wird der Besuch des russischen Außenministers Sergej Lawrow am Montag in Ankara: Weil Russland seit dem Einmarsch in Georgien Importe aus der Türkei behindert, will die türkische Regierung jetzt mit Vergeltungsmaßnahmen antworten.

ISTANBUL. "Wir werden mit russischen Exporten so umgehen wie Russland mit unseren Exporten", kündigte Außenhandelsminister Kürsad Tüzmen an. Was die Regierung genau plant, sagte er nicht: "Sie werden es sehen".

Ein Großteil der türkischen Exporte nach Russland läuft auf dem Landweg über Georgien. Seit Beginn der Kaukasus-Krise hält der russische Zoll dort rund 10 000 türkische Lastzüge fest. Die russischen Behörden begründen die Verzögerungen mit neuen Zollbestimmungen. In Ankara vermutet man aber politische Motive: Russland wolle der Türkei mit den Schikanen demonstrieren, dass Georgien kein verlässliches Transitland sei.

Georgien hat für die Türkei nicht nur für die Exporte nach Russland und Mittelasien große Bedeutung. Das Land ist auch ein wichtiger Energiekorridor: Öl- und Gaspipelines verlaufen aus der Region am kaspischen Meer über Georgien in die Türkei. Weitere Leitungen sind in der Planung - sehr zum Ärger Russlands, das Öl und Gas vom kaspischen Meer durch eigene Pipelines nach Westeuropa bringen möchte.

Die Türkei könnte auf die russischen Handelsbehinderungen mit Einschränkungen russischer Tankerpassagen im Bosporus antworten. Überspannen darf Ankara den Bogen aber nicht, denn Russland ist der wichtigste Öl- und Gaslieferant der Türkei. Deswegen fiel die türkische Kritik am russischen Einmarsch in Georgien auch sehr milde aus: man äußerte in Ankara "Besorgnis", verzichtete aber darauf, Russland zu verurteilen - zum großen Missfallen der USA.

Der Kaukasuskonflikt bringt Ankara in ein Dilemma: Energiepolitisch ist man von Russland und Georgien abhängig, sicherheitspolitisch an die Nato gebunden. Diese Verlegenheit hat auch eine heikle innenpolitische Dimension: Der neue türkische Generalstabschef Ilker Basbug unterstrich jetzt öffentlich die "herausragende Bedeutung" der Beziehungen zwischen der Türkei und den USA - ein Wink mit dem Zaunpfahl an Ministerpräsident Tayyip Erdogan, der heute mit Lawrow auch über einen Kaukasus-Stabilitätspakt sprechen will.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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