Kaukasuskonflikt
Die Hoffnung kommt aus dem Norden

Empört weisen EU und USA all jene in die Schranken, die den Anschluss Südossetiens an Russland fordern. Doch wer den Landstrich im Kaukasus bereist, stellt fest: Südossetien ist längst russisch statt georgisch.

ZCHINWALI. Laura Tunewa stellt die dampfenden Kartoffeln auf den kleinen Tisch neben Käse, Brot und Tomaten. Die Kerzen flackern, in Zchinwali ist wieder einmal der Strom ausgefallen. Immerhin gibt es vor allem dank russischer Hilfe wieder Nahrungsmittel. Üppig ist das Angebot nicht gerade, doch wenigstens ist der Krieg vorbei, und Lauras Sohn Alan, der gegen die Georgier gekämpft hat, sitzt mit am Tisch und haut kräftig rein.

Tunewa und ihre Familie haben Glück gehabt. Nur um wenige Meter hat ein Geschoss der georgischen Armee ihr Haus verfehlt - und ist bei den Nachbarn eingeschlagen. Ein Teil des zweigeschossigen Gebäudes liegt in Trümmern. Bei Tunewa flogen nur die Fenster raus und ein paar Türen. Ärgerlich zwar, aber es gibt Schlimmeres. Die Nachbarn hier in Zchinwali, der Hauptstadt Südossetiens, hatten Tote zu beklagen, das sind nur einige der etwa 150 Opfer, die der georgisch-russische August-Krieg forderte.

Am 7. August waren georgische Truppen in Südossetien einmarschiert, um die abtrünnige Provinz wieder unter die Kontrolle von Georgiens Präsident Michail Saakaschwili zu bringen. Umgehend hatte Russland seine eigene Armee in Marsch gesetzt und die Georgier wieder vertrieben - deren Soldaten ebenso wie die georgischen Bewohner der Provinz. Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew provozierte eine internationale Krise mit dem Westen, als er Südossetien für unabhängig erklärte. Für die EU ist und bleibt Südossetien ein Teil Georgiens.

Wer in diesen Tagen durch Südossetien reist, kann sich kaum vorstellen, dass es je wieder georgisch werden könnte - oder gar ein unabhängiger Staat. Längst hängt das Gebiet im Kaukasus völlig von Russland ab: politisch wie wirtschaftlich. Wenn Südossetiens Regierungschef Eduard Kokoity sagt, er strebe den Anschluss seiner Provinz an Russland an, mag das in Berlin oder Paris für Empörung sorgen. Der Logik kann sich jedoch nur schwer entziehen, wer sich in Zchinwali und Umgebung umsieht.

In Zchinwali sind die Freudenschüsse nach der Anerkennung durch Russland verhallt. In dem 30000-Seelen-Städtchen mit seinen von wildem Wein umrankten, zweistöckigen Häusern herrscht geschäftiges Treiben. Der russische Katastrophenschutz räumt auf, flickt die Granatenkrater in den Straßen und pinselt eine Schule neu an.

Das Gute kommt aus Russland: Für Laura Tunewa ist das schon länger so. Vor dem Krieg hatten sie und ihr Mann begonnen, ihr Haus zu renovieren. Die Baumaterialien haben sie aus Wladikawkas, der Hauptstadt des russischen Nordossetien, geholt. Die Arbeit haben Georgier erledigt, Gastarbeiter. Nun sind sie weg, geflohen aus Angst vor der Rache der Russen.

Historisch trennen Georgier und Osseten Sprache und Herkunft. Doch die räumliche Nähe hat sie vermischt. Auch die Wurzeln von Laura Tunewas Ehemann - er ist Rentner wie sie selbst - sind georgisch. Eben, vor dem Abendessen, haben sie endlich einen Anruf bekommen aus Gori, das auf der anderen Seite der "Grenze" nach Georgien liegt. Das Gespräch war kurz: Wie geht's? Das Haus steht, alle gesund. Wie ein Telegramm. Es gäbe viel zu sagen, doch besser, man fasst sich kurz.

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