Kein Absturz
Vorsichtige Entwarnung für Osteuropa

Osteuropa droht in der Krise doch nicht der ganz tiefe Fall. Experten von Goldman Sachs und Moody’s geben eine vorsichtige Entwarnung: Der komplette Abzug ausländischer Investoren stehe nicht bevor und auch die Finanzhilfe zeige erste Wirkung. Für einige Länder bleibe das wirtschaftliche Risiko dennoch hoch.

WIEN. Osteuropa wird wahrscheinlich die ganz große Finanzkrise vermeiden können. Der Region droht nicht mehr der komplette Abzug ausländischer Investoren. Zu diesem Schluss kommen die Osteuropa-Experten von Goldman Sachs und der Ratingagentur Moody’s. Banken stehen trotzdem vor schwierigen Zeiten: Sie müssen sich auf stark zunehmende Kreditausfälle vorbereiten, die der weltweite Konjunkturabschwung jetzt auch in Osteuropa auslöst.

Zur Jahreswende waren die Ängste in der Finanzbranche noch groß, in Osteuropa könnten die Bank- und Geldmärkte vollständig zusammenbrechen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) musste Ländern wie der Ukraine, Lettland und Ungarn schon im Herbst mit Milliardenpaketen aushelfen, um einen allgemein befürchteten Staatsbankrott zu verhindern. Osteuropäische Währungen wie der ungarische Forint verloren gegenüber dem Euro bis zu einem Viertel ihres Wertes.

Die Finanzhilfen der vergangenen Monate scheinen in Osteuropa langsam ihre Wirkung zu verbreiten. „Die Sorgen um eine Welle von Bankenkrisen in Mittel- und Osteuropa sind verschwunden“, glaubt Rory MacFarquhar, Ost-Experte bei der US-Investmentbank Goldman Sachs. „Die Angst vor dem Zusammenbruch ist weg“, bestätigt auch Dietmar Hornung von Moody’s.

Nicht nur die Hilfspakete des IWF bringen neue Stabilität. Für Beruhigung an den Finanzmärkten sorgen auch die Zusicherungen der meisten westlichen Banken, dass sie in Osteuropa bleiben und kein Kapital abziehen wollten. Das Bankgeschäft in der Region ist – von wenigen Ländern wie Polen und Ungarn abgesehen – zum überwiegenden Teil in westlicher Hand. Banken aus Österreich, Schweden, Italien und Belgien bestimmen das Geschehen. In Ländern wie Rumänien und Serbien haben sich diese Geldhäuser gegenüber dem IWF verpflichtet, kein Kapital abzuziehen.

„Ich bereue nichts. Ich stehe zu jedem Euro, den wir investiert haben“, betont Andreas Treichl, Chef der Wiener Ersten Bank, der Nummer drei in Osteuropa. Sein Haus sehe sich als langfristiger Investor, der keinen Rückzug in Osteuropa plane – auch wenn es seinen Töchtern in der Region mit Kapitalzuschüssen helfen müsse. So wird nach bislang unbestätigten Berichten die Rumänien-Tochter der Ersten Bank eine Kapitalspritze brauchen. Den Betrag von etwa 100 Mio. Euro wird die Wiener Bank wahrscheinlich ohne besonders große Mühen aufbringen können.

Goldman Sachs schätzt, dass die westlichen Banken maximal 48 Mrd. Euro an Verlusten in Osteuropa zu befürchten haben – verteilt über die kommenden drei Jahre. Auf Länder wie Österreich und Schweden kommen damit voraussichtlich einstellige Milliardenbeträge zu. „Das sind keine gewaltigen Summen“, unterstreicht Goldman-Experte MacFarquhar. Im Großen und Ganzen sollte die Krise deshalb beherrschbar sein – auch wenn wegen der Rezession die Kreditausfälle jetzt deutlich zunehmen werden.

Sowohl Goldman als auch Moody's machen jedoch darauf aufmerksam, dass das Risiko in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ausfällt. „Tschechien, die Slowakei und Polen sind Anker im Sturm“, betont Moody’s-Experte Hornung. In Bezug auf die baltischen Staaten und die Ukraine sprechen sie jedoch mehr oder minder unverhohlene Warnungen aus. Angesichts des katastrophalen Zustands der ukrainischen Volkswirtschaft könnte sich die eine oder andere westliche Bank doch zum Rückzug aus dem Land entscheiden. In der Ukraine sind die aktuellen Risiken einfach am größten, dieses Jahr könnte die Wirtschaft um 15 Prozent schrumpfen. Eine gewisse Vorsicht ist nach Experten-Meinung auch bei Ungarn und Bulgarien vonnöten.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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