Kein Geld für Donezk und Lugansk
Das Leid der Bestraften

Rentner ohne Renten, Schüler ohne Schulen, Kranke ohne Krankenhäuser: Die ukrainische Regierung will sämtliche staatliche Leistungen in den Rebellengebieten im Osten kappen. Für die Menschen vor Ort ein harter Schlag.
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Dnipropetrowsk1378 Hrywnja Rente bekommt sie, gerade einmal 70 Euro. Im Monat. Bestenfalls genug, um gerade zu überleben. In Lugansk wohne sie, sagt Galina H., „normalerweise“ fügt sie hinzu. Aber normal ist momentan nichts mehr für die 60-jährige ehemalige Buchhalterin. Ihre Wohnung in der umkämpften ostukrainischen Stadt Lugansk hat sie bereits vor über einen Monat verlassen. „Die ewigen Kämpfe habe ich nicht mehr ertragen“.

Galina ist nur eine von tausenden Rentnern, die in den vergangenen Wochen und Monaten die Donbass-Region verlassen haben. Viele sind nach Russland gegangen, wo sie auf eine bessere Zukunft hoffen, viele aber auch in die von der Ukraine kontrollierten Gebiete. Galina hat es nach Dnipropetrowsk gezogen, rund 200 Kilometer von den Kämpfen zwischen prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee entfernt. Verwandte haben der 60-jährigen eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung zur Verfügung gestellt. „Mindestens einmal im Monat fahre ich aber nach Hause, nach Lugansk zurück“, sagt Galina, „um nach dem Rechten zu schauen“.

Künftig wird das schwerer werden. Denn die ukrainische Bahn hat Anfang der Woche mitgeteilt, dass sie die Verbindung nach Lugansk Ende dieser Woche aus Sicherheitsgründen einstellen wird. „Dann weiß ich nicht mehr, wie ich dahin kommen soll“, klagt die rüstige Frau.

Dabei hat sie noch Glück: Denn der ukrainische Präsident Petro Poroschenko plant, die gesamten von den Rebellen besetzten Gebiete in der Ostukraine finanziell und wirtschaftlich zu blockieren. In einem Dekret veranlasste Poroschenko am vergangenen Wochenende die Einstellung sämtlicher staatlicher Leistungen binnen einer Woche. Damit bleiben Rentner ohne Renten, Schüler ohne Schulen, Kranke ohne Krankenhäuser. Auch staatliche Unternehmen, Institutionen und Organisationen sollen ihre Dienste in den von den prorussischen Separatisten ausgerufenen „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk einstellen. Das gilt auch für Banken.

Die Begründung für die drastische Maßnahme: Man wolle den Terrorismus nicht mitfinanzieren, erklärte ein Regierungsvertreter – der zugleich aber betonte, dass das nicht ausgezahlte Geld nicht anderweitig ausgegeben werde, sondern als humanitäre Hilfe in die besetzten Gebiete zurückfließen solle.

Einen Teil der zurückgehaltenen Gelder werde man aber auch für die Begleichung unbezahlter Gas- und Stromrechnungen verwenden, die Kiew an die Volksrepubliken in Donezk und Lugansk geschickt hat, erklärte Regierungschef Arsenij Jazenjuk. Eines schloss er aus: „Aus humanitären Gründen werden wir die Strom- und Gaslieferungen nicht unterbrechen“.

Kommentare zu " Kein Geld für Donezk und Lugansk: Das Leid der Bestraften"

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  • Herr Johannes Rosendahl

    ..."Putin hat erkannt, dass er mit nur noch 143 Millionen Einwohnern keine Weltmacht mehr ist"...

    Sie meinen also er braucht mehr als 143 Millionen?
    Wieviel braucht er denn, 330 Millionen wie die Supermacht USA? Meinen Sie es kommt auf die 43 Millionen Ukrainer und die anderen ehemaligen Bewohner der Sowjet-Republiken an?

    Und wenn er dann zahlenmäßig zu den USA aufgeschlossen hätte, dann wäre er Ihrer Meinung nach wieder Weltmacht? Das ist die Denkweise eines Erbsenzählers.

    Glauben Sie wirklich Putin oder seine Spitzenleute sind so naiv?

  • @ Marvin Wisnewsky

    Muss sich Russland wirklich nicht fürchten?

    Werden die USA nicht "Menschenrechtsverletzungen" in Russland erkennen (natürlich nie im verbündeten Saudi-Arabien)?

    Werden dort keine "Studentenproteste" mit CIA-Geldern finanziert werden?

    Wird man nicht mit NATO-Kräften "Schutzkorridore" einrichten damit sich dem Westen zugewandte Separatisten abspalten können?

    Sobald man zugibt dass Kiew nur durch westliche Finanzierung noch handlungsfähig ist weiß man auch wer die Anweisungen gibt.

  • @Marvin. Also sind Sie nun für legales Handeln und Rechtstaatlichkeit oder nicht?

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