Libyen: Der IS formiert sich im Süden neu

Keine Entwarnung
Der IS formiert sich in Libyens Süden neu

Der größte Teil des nordafrikanischen Landes besteht aus Wüste. Dort herrscht weitgehend Anarchie. Für die Kämpfer des IS sind diese Gegenden ein Rückzugsort, um sich nach den jüngsten Verlusten wieder neu aufzustellen.
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Bengasi
In den weiten Wüsten Libyens im Süden des Landes tummeln sich schon seit Jahren Milizen aus den Nachbarländern, Söldner, Schmuggler und andere Kriminelle. In den vergangenen Wochen hat es dort abermals Zulauf gegeben: Nachdem islamistische Gruppen, darunter auch zahlreiche IS-Kämpfer, in mehreren Küstenstädten des nordafrikanischen Landes empfindliche Niederlagen hinnehmen müssten, strömen auch sie in diese Gegend.

Die gesetzlosen und verlassenen Gegenden sind eine willkommene Zufluchtsstätte für die Kämpfer, um sich zu reorganisieren, neues Personal zu rekrutieren, zu trainieren und Pläne für militärische Gegenschläge zu schmieden.

Gerade für die Terrormiliz Islamischer Staat ist diese Region von zunehmender Bedeutung. Denn nicht nur in den libyschen Städten an der Küste haben die Islamisten ihren Rückhalt verloren. Auch die einstigen Hochburgen im Irak und in Syrien wanken oder sind schon gefallen.

In den abgelegenen Landstrichen entlang der Grenzen zu Ägypten, Sudan, Tschad, Algerien, Niger und Tunesien ist es einfach, Waffen zu bekommen. Der Schmuggel von Menschen und Waren wuchert ungebremst, besonders Benzin ist lukrativ.

Effektive Grenzkontrollen gibt es nicht. So konnten Rebellen aus dem Sudan und dem Tschad Lager in Libyen errichten, von wo aus sie Angriffe auf die Regierungen ihrer Länder führen. Mit ihnen kamen Söldner bis aus dem entfernten Kamerun. Streitigkeiten zwischen Stämmen oder unterschiedlichen Ethnien eskalieren dort zudem häufig in tödlichen Zusammenstößen.

Die Milizen bewegten sich hin und her in den südlichen Teilen und bis ins Zentrum des Landes hinein, sagt Brigadegeneral Abdullah Nuredeen von der Libyschen Nationalarmee. „Sie rauben Autos mit Reisenden aus und greifen Zivilisten an. Manchmal operieren sie nahe der Grenze, wenn sie mit Schmuggel und Waffenhandel Geld verdienen können.“

Zu diesen Gruppen kommen nun weitere Kämpfer dazu, die aus den Küstenstädten Sirte, Bengasi, Sebratha und Derna vertrieben wurden. Das ist ein weiterer Rückschlag für die Hoffnungen, dass das ölreiche Libyen in näherer Zukunft zu Stabilität zurückkehren könnte.

Claudia Gazzini, Libyen-Analystin bei der International Crisis Group, verweist darauf, dass sich IS-Kämpfer in der Wüste südlich der Küstenline versteckt hielten. Sie bewegten sich in kleinen Konvois, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Manche würden sogar wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Andere seien in der Gegend um Sirte aktiv, griffen von Zeit zu Zeit ihre Feinde an. Perspektivisch, so sagt sie, würden die verbliebenen IS-Kämpfer versuchen, Einfluss und Kontrolle über Gruppen zu bekommen, die gegen den von Ägypten unterstützten General Chalifa Haftar kämpften. „Wir haben auch schon Anzeichen dafür gesehen, dass das bereits passiert ist“, sagt Gazzini weiter.

In Ägypten wächst angesichts solcher Entwicklungen die Besorgnis. Das Land hat damit begonnen, seine Grenzen zum Sudan und zu Libyen genau zu überwachen. Die Sorge ist, dass diese Regionen zu Stützpunkten für Angriffe auf ägyptisches Territorium werden könnten.

Die IS-Milizen, die auf der Sinai-Halbinsel gegen ägyptische Sicherheitskräfte kämpfen, hätten Waffen und Kämpfer aus Libyen erhalten, heißt es in Ägypten. Auch die Urheber der tödlichen Angriffe auf Christen sind demnach in Libyen ausgebildet worden und über die noch immer durchlässige Grenze in der Wüste ins Land gekommen.

Wie im Rest von Libyen auch sind Recht und Ordnung in den Städten und Dörfern in den Regionen im Zentrum und im Süden des Landes immer mehr verloren gegangen, seit im Jahr 2011 der Diktator Muammar al-Gaddafi gestürzt und getötet wurde. Im ganzen Land haben Milizen Gegenden unter ihre Kontrolle gebracht, viele von ihnen mit islamistischen Ideologien. Schätzungen gehen davon aus, dass derzeit etwa 120 000 solche Kämpfer in Libyen aktiv sind sowie etwa 1000 IS-Mitglieder. Unabhängige Bestätigungen für solche Zahlen gibt es jedoch nicht.

General Haftar hat versucht, die islamistischen Kämpfer zu vertreiben und das Zentrum sowie den Süden des Landes unter seine Kontrolle zu bringen – bislang mit mäßigem Erfolg. Er sagte, sein Ziel sei es, ab Anfang Juli die Grenzen Libyens zu Ägypten, dem Sudan und dem Tschad abzuriegeln, um den Fluss von Waffen, Kämpfern und Migranten zu stoppen.

Doch es gibt Zweifel, ob seine Streitkräfte tatsächlich über ausreichende Ressourcen verfügen, in der weiten Region für Recht zu sorgen und der hartgesottenen Kämpfer und Milizen dort Herr zu werden. Ein Zeichen für die Verzweiflung über die sich stetig verschlechternde Sicherheitslage ist, dass der staatliche libysche Ölkonzern seine Lieferungen in den Süden gestoppt hat. Grund war eine Serie von Angriffen auf Konvois mit Benzin, bei denen die Tanklaster entführt wurden. Das Benzin tauchte dann später wieder auf dem libyschen Schwarzmarkt auf – oder in Nachbarländern.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur

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