Keine schnelle Erholung
Russland verschuldet sich wieder im Ausland

Russlands Finanzminister Alexej Kudrin sieht die Chancen für eine wirtschaftliche Erholung seines Landes skeptisch. Daher erwägt sein Ministerium, erstmals seit zehn Jahren wieder im Ausland Schulden zu machen.

MOSKAU. Die Vorhersage der Regierung unter Premierminister Wladimir Putin, wonach die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 2,2 Prozent schrumpfen dürfte, sei "optimistisch", sagte Kudrin. Es könnte Jahre dauern, bis Russland die Krise hinter sich lasse, so der Finanzminister, der schon in der Vergangenheit kritische Töne zur Wirtschaftsentwicklung hatte anklingen lassen.

Daher erwäge das Finanzministerium, erstmals seit zehn Jahren wieder im Ausland Schulden zu machen. Bereits im kommenden Jahr solle über den Verkauf eines Eurobonds im Volumen von maximal fünf Mrd. Dollar nachgedacht werden, sagte Kudrin. Der Schritt wäre eine historische Wende für das Land, das sich seit der schweren Krise 1998 auf den Abbau seiner Schulden im Ausland konzentriert hatte.

Bisher haben sich Vertreter der Führung, allen voran Premier Putin, vehement gegen eine Schuldenaufnahme im Ausland ausgesprochen. Stattdessen wollen sie zur Deckung des Budgetdefizits von rund 87 Mrd. Dollar vor allem auf den Reserve-Fonds zurückgreifen, in den Einnahmen aus dem Ölexport fließen und wo sich inzwischen 142 Mrd. Dollar angesammelt haben.

Doch nach wie vor leidet Russlands Wirtschaft unter dem Verfall der Preise für Energie, dem wichtigsten Exportgut, und der rückläufigen Nachfrage. So fiel in diesem Monat der Außenhandelsüberschuss um 64 Prozent zum Vergleichszeitraum im Vorjahr - und damit weit stärker, als Analysten erwartet hatten. Der Export ging im gleichen Zeitraum um 47 Prozent zurück.

Neben dem Weg zu ausländischen Gläubigern will Kudrin angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage daher auch den Rotstift am Haushalt ansetzen und das Budget im kommenden Jahr um zehn Prozent kürzen. In diesem Jahr hatte die Regierung den Haushalt dagegen vor allem zur Bekämpfung der sozialen Folgen der Krise noch einmal aufgepumpt. Die angepeilten Kürzungen seien notwendig, da die Einnahmen um rund ein Drittel fallen würden, betonte der Finanzminister. Nach Aussage von Arkadij Dworkowitsch, dem Top-Wirtschaftsberater von Präsident Dmitrij Medwedjew, droht Russland im kommenden Jahr gar ein Haushaltsdefizit von rund acht Prozent der Wirtschaftsleistung. Bisher war das Finanzministerium noch von fünf Prozent ausgegangen.

In den Reigen der skeptischen Prognosen reihte sich auch der wohl wichtigste Konzern des Landes, der staatlich kontrollierte Gasmonopolist Gazprom, ein. Walerij Golubew, einer der Gazprom-Vizechefs, erwartet in den kommenden vier bis fünf Jahren eine schwache Nachfrage und geht davon aus, dass die Produktion von Russlands größtem Steuerzahler daher in diesem Zeitraum auch zehn Prozent unter dem Niveau des vergangenen Jahres liegen dürfte.

Analysten begrüßten gestern die Pläne zur Kreditaufnahme, denn je weiter die Regierung auf ihr Erspartes zurückgreift, umso mehr belastet sie Russlands Kreditrating. Solange das Land noch zu vergleichbar guten Konditionen Geld aufnehmen könne, sollte die Regierung die Reserven für noch schwierigere Zeiten schonen, heißt es. Nach Angaben von Dworkowitsch startet Russland mit einer kleineren Anleihe im Volumen von fünf Mrd. Dollar, um den Markt nicht überzustrapazieren.

Moskau verfügt nach China und Japan weiterhin über die drittgrößten Währungsreserven der Welt. Daher sei die geplante Anleihe eine sichere Anlage, heißt es bei der Citigroup. Im vergangenen Quartal betrugen die staatlichen Auslandsschulden 40,5 Mrd. Dollar. Zum Vergleich: Ungarn steht mit 158 Mrd. Dollar in der Kreide.

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